Mir feiern alle Nagelsmann zu viel – ich mach' jetzt mal den Spielverderber

Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel ist nach dem glücklichen 2:1 gegen die Elfenbeinküste weitaus skeptischer als der Rest der Republik

Teilen
Mir feiern alle Nagelsmann zu viel – ich mach' jetzt mal den Spielverderber
Foto: Imago / Kirchner-Media

So kann man's als Bundestrainer natürlich machen: Erst mit den Falschen starten, später die Richtigen einwechseln – und sich dafür dann auch noch feiern lassen.

Das Schöne an Ersatzspieler Deniz Undavs Toren zum späten 2:1 gegen die Elfenbeinküste ist, dass wir vor einem drohenden Achtelfinale gegen Frankreich genug Zeit haben, um ausführlich darüber zu diskutieren, ob wir WEGEN oder TROTZ Julian Nagelsmann Gruppensieger geworden sind.

Deutschland hat erstmals seit 2014 die Vorrunde überstanden und sogar die Gruppe als Erster abgeschlossen. In meiner Nachbarschaft gab's bis 3 Uhr morgens Feuerwerk. Mehr geht also nicht. Ich mach' jetzt trotzdem mal den Spielverderber.

Mir wird nämlich gerade zu viel gefeiert. Die deutschen Experten liegen sich in den Armen, als hätte das DFB-Team gerade im Halbfinale England weggefegt.

Dabei ist das bisher Erreichte im Grunde neben Felix Nmecha einem Spieler zu verdanken, den der Bundestrainer nicht mal für startelfwürdig hält. Beim Pflichtsieg gegen Curaçao: Undav auf der Bank. Gegen die Elfenbeinküste: Undav auf der Bank. Das ist, als würdest du in der Formel 1 mit einem Audi zur Startaufstelllung rollen, obwohl du einen Mercedes AMG in der Box hast.

Während die deutsche Mannschaft auf viel zu vielen Positionen – Kimmich, Sané, Tah, Pavlovic, Musiala – weit entfernt davon ist, halbfinalwürdig zu spielen, liefert Undav wie schon in den Spielen vor der WM und beim VfB Stuttgart konsequent. Der 29-Jährige hat jetzt in elf Länderspielen neun Tore erzielt. Er ist bisher erfolgreichster Spieler dieses Turniers, hat in 56 Einsatzminuten drei Tore geschossen und fünf Scorerpunkte gesammelt. Wenn's danach ginge, müssten Messi, Haaland, Mbappé und Co. sich beim Stuttgarter mit Meppenvergangenheit Autogramme holen.

Und Trainer Nagelsmann? Bleibt stur. Lässt unseren Bomber 2.0 die meiste Zeit auf der Bank schmoren. So wie er ja andersrum immer wieder auf den chronisch vorne rechts nichts hinkriegenden Leroy Sané setzt; mit der Begründung, Sané würde nach hinten arbeiten.

Sané, finde ich, soll nach vorn arbeiten. Nach hinten muss er ja nur arbeiten, weil dort Joshua Kimmich zu langsam ist.

Auch im Ausland wundert man sich über Nagelsmanns Personalentscheidungen. Die englische Expertenrunde um Gary Lineker fragte sich auf Netflix, wieso Kai Havertz ständig als Mittelstürmer startet – das bedeute wohl, dass Deutschland keinen echten Neuner habe. Sie redeten, als gäbe es Undav nicht. Die ZDF-Experten um Christian Streich verstiegen sich vor lauter Nagelsmannsolidarität zu dem Statement, Undav könne im nächsten Spiel ruhig wieder auf der Bank sitzen.

Undav, die Turniersensation, auf der Bank? Sind denn alle verrückt geworden?

Ist Nagelsmann also ein Genie, der seinen Matchwinner bewusst als Joker in Reserve hält – oder sieht er einfach nicht, was alle sehen? Ich tendiere zu Letzterem.

Fakt ist: Bislang funktioniert es, was die Ergebnisse angeht. Aber Gruppenphase ist nicht K.o.-Runde. Würden Undav gegen Frankreich 30 Minuten reichen, um den womöglich vorher von Sané, Tah & Co. verursachten Schaden zu reparieren? Ich habe da so meine Zweifel.

Die technischen und Tempo-Defizite der deutschen Mannschaft, die obendrein Angst vor jedem Zweikampf hat, sind jedenfalls unübersehbar, wenn man die deutsche Brille absetzt. Weshalb Linekers Runde am Sonntag konstatierte: Mit den bisher gezeigten Leistungen sei für die deutsche Mannschaft bestenfalls das Viertelfinale drin.

Aber vielleicht hatte die Runde ja einfach nur Undav nicht auf dem Zettel.


Eine Bank: Die besten Steudel-Kolumnen als Buch

"Wäre, wäre, Fahrradkette - Die besten Fußball-Kolumnen von Alex Steudel seit 2020". 257 Seiten, 15,99 Euro: Hier bei Amazon bestellen! Wer fürs gleiche Geld portofrei ein signiertes Exemplar will: Mail an post@alexsteudel.de schreiben.