Mexikos Demonstranten nutzen die Bühne, die sie ablehnen
Vor dem Azteca protestieren Lehrer, Verdrängte und Angehörige von Verschwundenen. Infantinos Bitte, über Fußball zu reden, zeigt, warum das Wegmoderieren fünf Wochen lang scheitern wird.
Heute Abend um 21 Uhr wird im Aztekenstadion die größte Weltmeisterschaft aller Zeiten eröffnet: 48 Teams, 104 Spiele, drei Gastgeberländer. Neunzig Minuten vor dem Anpfiff zwischen Mexiko und Südafrika beginnt die Eröffnungsfeier, Shakira und Burna Boy führen erstmals live den WM-Song „Dai Dai" auf. Es ist die dritte WM in dieser Arena nach 1970 und 1986, kein anderes Stadion der Welt kann das von sich behaupten. Am Vorabend kehrten Hunderte Demonstranten vor das Stadion zurück, die meisten von ihnen Angehörige von Verschwundenen, die ihre Kinder suchen. Die Polizei hat rund um die Arena eine Sicherheitszone von 1,6 Kilometern gezogen. Die WM 2026 hat also zwei Eröffnungsfeiern: eine geplante drinnen, eine ungeplante davor.
Wer in diesen Tagen durch Mexiko-Stadt fährt, kommt an den Protesten nicht vorbei. Lehrer blockierten zwei Tage vor dem Spiel die Hauptzufahrt zum Stadion und kampieren in den Straßen um den Zócalo, den die Behörden für das FIFA-Fanfest mit Metallwänden zur Festung umgebaut haben. In Santa Úrsula und Coyoacán, den Vierteln direkt am Stadion, mussten Wohnungen und Geschäfte der neuen WM-Infrastruktur weichen; betroffen sind überproportional Menschen indigener Herkunft. Die Demonstranten schlagen dabei einen Bogen in die Geschichte: Schon für den Bau des Aztekenstadions in den Sechzigerjahren ließ die Stadtregierung informelle Siedlungen räumen, teils mit Gewalt. Der Protest gegen diese WM ist keine Tagesreaktion, er hat ein Fundament von sechzig Jahren.
Die reflexhafte Lesart lautet: Die Proteste stören das Fest, die FIFA muss es abschirmen. Man kann die Sache aber auch andersherum betrachten. Lehrer, indigene Gruppen, Angehörige von Vermissten könnten in einer Megacity wie dieser an jedem Ort demonstrieren — sie haben sich das Aztekenstadion ausgesucht und die Tage, an denen die Welt hinschaut. Bürgermeisterin Clara Brugada hat angekündigt, die ganze Stadt solle sich in eine große Tribüne verwandeln. Genau das passiert gerade, nur entscheiden die Demonstranten selbst, was auf dieser Tribüne zu sehen ist. Die WM, die sie verdrängt, ist zugleich ihr lautestes Mikrofon: Nirgendwo sonst schaffen es Familien von Verschwundenen aus Mexiko-Stadt in die internationalen Nachrichten.
Nun kann man einwenden, dass die FIFA weder Lehrergehälter verantwortet noch das Verschwindenlassen von Menschen in Mexiko, und dass diese Probleme älter sind als das Turnier und es überdauern werden. Das stimmt. Nur ist die Symbiose nicht symmetrisch. Die FIFA kassiert die Aufmerksamkeitsdividende von fünf Wochen — das größte Turnier der Geschichte, Sponsoren, ein Milliardenpublikum — und behandelt die Kosten dieser Aufmerksamkeit als Ordnungsproblem, das sich mit Absperrgittern lösen lässt. Gianni Infantino verteidigte am Mittwoch im Pressezelt neben dem Stadion die Ticketpreise mit dem Satz: „Es ist nicht so, dass jemand aufwacht und die Preise festlegt." Die Ermittlungen von drei US-Generalstaatsanwaltschaften zu den Vergabepraktiken verfolge er „sehr relaxed", und im Übrigen bat er darum, über Fußball zu reden.
Diese Bitte ist das Programm der nächsten fünf Wochen, und sie wird nicht funktionieren. Amnesty International warnt in einem aktuellen Bericht vor massiven Menschenrechtsrisiken im Hauptgastgeberland USA, mehr als 120 Organisationen haben Reisehinweise herausgegeben; der Widerspruch reist also mit, von Mexiko-Stadt nach Dallas, Atlanta und New Jersey. Jede Kamera, die die FIFA zu diesem Turnier bringt, arbeitet für beide Seiten — für die Show im Stadion und für die Schilder davor. Ein Verband, der sein Geschäftsmodell auf maximale Sichtbarkeit gebaut hat, kann sich nicht aussuchen, was sichtbar wird. Die FIFA hat vor dem Aztekenstadion das lauteste Mikrofon der Welt aufgestellt: Sie wird damit leben müssen, dass auch andere hineinsprechen.