Matthias Sammers Diagnose: Nationalelf nicht schlecht, aber auch nicht fertig
Die Nationalelf verliert nach 80 Minuten den Faden. Was bleibt, wenn der Ball weg ist und der Gegner kommt?
Matthias Sammer hat im Stern eine Diagnose gestellt, die unangenehm ist, weil sie nicht laut sein muss, um zu treffen. Die Nationalmannschaft, sagt er, gehöre zur erweiterten Weltspitze, aber sie sei kein ernsthafter Kandidat auf den Titel. Begründung: Sie bringe ihre Spiele nicht konsequent zu Ende. Das ist kein Boulevard-Befund, das ist die Beobachtung eines Mannes, der weiß, wovon er spricht, weil er 1996 selbst Europameister war.
Sammer macht ein Muster aus, und das ist der Kern seiner Kritik. Die Mannschaft begnüge sich damit, eine Partie zu 80 bis 90 Prozent zu kontrollieren – er nennt die jüngsten Auftritte gegen die Schweiz und gegen Ghana. Dann komme der Spannungsabfall, dann gerate der Sieg in Gefahr. Wer das einmal beobachtet, kann es Zufall nennen. Wer es zweimal sieht, sollte zuhören, wenn jemand wie Sammer von "Sorge" spricht.
Dahinter steht eine größere Frage, und Sammer formuliert sie so direkt, wie es seine Art ist. Er vermisse die ureigene Identität. Der deutsche Fußball sei über Jahrzehnte gefürchtet gewesen, auch für seine Defensive – aber die Kunst des Verteidigens sei abhandengekommen. Es werde zu viel über die Schönheit des Spiels geredet, über Ballbesitz, und zu wenig darüber, wie man ein Spiel gewinnt. Es gehe ihm, sagt Sammer, zu viel um die B-Note.
Das ist die alte Debatte in neuem Gewand: Schönheit gegen Ergebnis, Spielidee gegen Resultat. Man kann Sammer entgegnen, dass moderne Spitzenmannschaften beides verbinden, dass Ballbesitz auch Verteidigung ist, dass die Trennung künstlich wirkt. Aber man muss ihm zugestehen, dass eine Mannschaft, die zwei Spiele in Folge nach 80 Minuten den Faden verliert, ein Problem nicht mit der Ästhetik hat, sondern mit der Substanz. Die Frage, die er aufwirft, ist nicht romantisch. Sie ist nüchtern: Was bleibt, wenn der Ball weg ist und der Gegner kommt?
Ein Stockwerk darunter liegt eine zweite Wertefrage, und auch hier wird Sammer deutlich. Die Rückholaktion von Manuel Neuer verteidigt er, und er begründet das nicht mit Sentimentalität, sondern mit dem Leistungsprinzip. Der Beste soll spielen, und der beste deutsche Torhüter sei aktuell Manuel Neuer. Die Klage, der Wechsel sei eine Ungerechtigkeit gegenüber Oliver Baumann, weist er zurück: Diese Schmerzen müsse man aushalten können, denn man befinde sich im Hochleistungssport. Zudem sei Neuer ein dringend benötigter Anführer.
Das ist konsistent. Wer von Identität spricht, von Konsequenz, von der Kunst des Verteidigens, der muss auch bereit sein, die unbequemen Personalentscheidungen zu verteidigen, die zu dieser Identität gehören. Sammer macht beides. Er stellt die Mannschaft in Frage, ohne sie kleinzureden, und er nimmt eine Trainerentscheidung in Schutz, die viele unbequem finden. Beides hängt zusammen.
Vor einer Weltmeisterschaft sind solche Stimmen unbequem, und genau deshalb sind sie nützlich. Sammer sagt nicht, dass die Mannschaft schlecht sei. Er sagt, sie sei nicht fertig. Das ist ein Unterschied. Und es ist eine Einladung, die Wochen bis zum Turnier nicht mit der B-Note zu verbringen, sondern mit den Tugenden, von denen er glaubt, dass sie fehlen. Ob die Mannschaft sie noch findet, wird sich zeigen.