Leistungsfußball im Nachwuchs: Was bedeutet das wirklich?
Erfolg entsteht nicht durch Kopieren von Profistrukturen, sondern durch klare Werte, realistische Ziele, Geduld und eine starke Vereinskultur - meint Gerd Thomas in seiner Kolumne.
Ein Anruf eines Bekannten eines anderen Vereins, der sich Sorgen um seinen Klub macht, in dem nun neue Leute das Kommando haben. „Bei uns wollen sie im nächsten Jahr die Anzahl der Mannschaften reduzieren und sich nur noch auf Leistungsfußball konzentrieren. Ich soll keine Mannschaft mehr kriegen, was mach ich mit meinen Jungs? Den Verein nach mehr als 30 Jahren wechseln will ich nicht.“
Soll ich die Stirn runzeln oder schmunzeln? Die Diskussion entbrennt im Frühjahr in vielen Vereinen – in der gesamten Republik. Nach der Saison ist vor der Saison. Dabei ist diese noch gar nicht zu Ende, aber das ist vielen egal.
„Wir wollen den nächsten Schritt machen und mehr aus Leistungsfußball setzen.“ Meinem bayerischen Podcast-Partner Michi Franke rollen bei solchen Sätzen regelmäßig die Fußnägel hoch. Die Argumente, die in der Regel keine sind, ähneln sich in Nord und Süd. Ein nachhaltiges Konzept? Mangelware! Die Bedeutung von Leistung in diesem Zusammenhang bleibt meist unklar. Ich pflege dann immer zu sagen. „Alle bringen ihre Leistung, wenn auch auf unterschiedlichem Niveau.“
Gerade im Kinder- und Jugendfußball gibt es viele Unterschiede.
Warum ist ein Spieler weiter als der andere? Da ist zunächst das biologische Alter zu nennen. Überall gibt es die „Spätentwickler“, die mit 16 den Körper eines 13-Jährigen haben. Umgekehrt genauso. Auch Trainer spielen eine große Rolle, das Familienumfeld, die Schule und nicht zuletzt das Team, in dem man spielt. Fachleute wie Leo Teßmann oder Gora Sen können das viel besser erklären, z. B. in ihrem zweiten Buch der Serie „Denkfabrik Nachwuchsfußball“.
Eigentlich haben sich diese Erkenntnisse längt herumgesprochen - sollte man zumindest meinen. Aber um den „nächsten Schritt“ zu gehen, kann man sich Geduld eben nicht leisten. So die allgemeine Lesart, die zu grotesken Ergebnissen führt. Nicht selten werden Kinder nach mehreren Jahren im Club weggeschickt - was ohnehin fragwürdig ist. Denn wozu ist ein Amateurverein eigentlich da?
Einige hören frustriert auf mit dem Sport, andere tauchen zwei Jahre später in einem anderen Verein in einer tragenden Rolle wieder auf. Manchmal auf einer anderen Position, gern auch mal 30 Zentimeter größer oder einfach persönlich gereift. Versuche des abgebenden – besser: rauswerfenden – Vereins, den Spieler zurückzuholen, sind in der Regel zum Scheitern verurteilt. Warum sollte er dorthin zurückgehen, wo man ihm die Tür gewiesen hatte?
Hohe Ambitionen für den vermeintlichen Leistungsfußball sind selten gut geplant. Es reicht nicht aus, in den Köpfen den feuchten Traum von Aufstiegen und hohen Spielklassen zu träumen. Es braucht sehr viel Geduld und Durchhaltevermögen - das weiß ich aus eigener Erfahrung.
Auch die Rahmenbedingungen müssen stimmen.
- Sind genug Plätze vorhanden?
- Gibt es genügend lizensierte Trainer?
- Ist der finanzielle Rahmen durchdacht?
Falls tatsächlich umgesetzt: Woher kommt die Finanzierung? Denn natürlich verlangt ein Trainer in der Verbandsliga mehr als einer in der Kreisliga. Von Ausstattung, Fahrtwegen und Staff haben wir da noch nicht gesprochen. Und wie definiert ein Verein eigentlich für seine Verhältnisse einen guten Trainer? Nur den richtigen Abstand der Hütchen zu kennen reicht nicht aus, es braucht nicht zuletzt ein hohes Maß an Sozialkompetenz. Und natürlich sollte man sich fragen: Passt er überhaupt zum Verein?
Leider stellen sich viele Verantwortliche diese Fragen nicht, also gelten Tore, Punkte und Tabellenstand als Wertebasis - was gerade im Amateurfußball fast immer falsch ist.
Die Republik ist voll mit Beispielen, in denen sich Vereine komplett übernommen haben. In Flächenländern wie Bayern oder Niedersachsen bringt der Aufstieg in eine hohe Liga gern doppelte Kosten mit sich. Busse müssen gechartert werden, zwischen Wolfenbüttel und Emden liegen satte 312 Kilometer - vier Stunden Fahrtzeit, sofern kein Stau ist. Anpfiff um 12 Uhr bedeutet: Aufstehen um 5.00 Uhr. Anpfiff um 17.00 Uhr heißt: nach Mitternacht zu Hause. Ein Glückspilz, der in den Stadtstaaten Berlin oder Hamburg spielt.
Viele Vorstände rutschen in die Sache mit dem „nächsten Schritt“ hinein – ohne Überlegung, ohne Plan, ohne ausreichend Geld. Wenn man in Hof oder Coburg in die Bayernliga aufsteigt und einem Verein in Kempten oder Berchtesgaden dasselbe passiert, kann man dieses eine Spiel noch als Wochenendausflug deklarieren. Doch dann kommt die 2. Mannschaft eines NLZ zu Besuch: drei Trainer, Physio, Betreuer, alle Spieler geschniegelt wie aus dem Ei gepellt, oder besser – wie die weißen Hühner in der Legebatterie. Große Augen bei den eigenen Spielern und Sorgen bei den Vorständen: Müssen wir das unseren Spielern auch bieten? Nein müsst ihr nicht!
Was ihr allerdings solltet: Die eigene Identität finden.
- Wofür steht mein Verein?
- Was sind unsere Werte?
- Was können und wollen wir uns leisten?
- Womit fühlen wir uns wohl?
- Und was ist die Seele unseres Vereins?
Die vermeintlich Begabteren werden ohnehin frühzeitig von den Großen weggeholt. Ich kenne kein funktionierendes Kooperationsmodell zwischen einem NLZ und einem klassischen Amateurverein, das eine echte Win-Win-Situation darstellt. Klar, man kann schon mal eine fünfstellige Summe einstreichen, wenn tatsächlich ein ehemaliger Jugendspieler Profi wird. Aber wann kommt das vor? Wetten waren noch nie ein vernünftiges Geschäftsmodell - schon gar nicht solche auf Spieler.
Zurück zum angeblichen Leistungsfußball. ist man lange genug im Amateurfußball unterwegs, weiß man, was aus großen Ambitionen wird. Wahrscheinlich hat noch nie jemand eine Quote aufgestellt, aber ich prognostiziere: Weit über die Hälfte der Vereine, die nach dem großen Fußball – also wenigstens dem semiprofessionellen – lechzen, sind in der Insolvenz gelandet.
Klar, es gibt Ausnahmen und erfolgreiche Vereine.
Aber dann lautet das Modell fast immer: Der Präsident ist auch der Sponsor und damit der Alleinherrscher. Das widerspricht dem Vereinsmodell. Denn für die Gründung eines Vereins braucht man mindestens sieben Personen, die meisten haben viele hundert oder gar weit über tausend Mitglieder.
Die Hartplatzhelden-Konferenz 2026 trägt den Titel: „Demokratie beginnt im Verein.“ In einigen Clubs hat dagegen das Modell MAGA Einzug gehalten. „Make Amateurverein great again.“ Um im weltpolitischen Bild zu bleiben: Die Straße von Hormuz heißt im Breitensport irgendwann „Engpass im Portemonnaie“.