Kompany fordert von Bayern-Fans Fitness-Nachweis – das ist übergriffig

Der Bayern-Trainer behandelt zahlende Zuschauer wie Personal. Doch Stimmung lässt sich nicht per Pressekonferenz bestellen.

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Kompany fordert von Bayern-Fans Fitness-Nachweis – das ist übergriffig
IMAGO/DeFodi Images

Vincent Kompany hat am Dienstag einen Satz gesagt, der nicht nach einer PR-Bitte klingt, sondern nach einer Geschäftsbedingung: Wer sich am Spieltag nicht wohl fühle, solle "seine Karte an die allerfittesten Leute" weitergeben. Das ist kein Aufruf mehr, das ist ein Anforderungsprofil für die eigene Zuschauerkulisse. Ein Trainer diktiert, wie sich 75.000 Menschen zu fühlen haben, damit seine Mannschaft ein Spiel gewinnen kann. Da verschiebt sich etwas im Verhältnis zwischen Bank und Tribüne – in eine Richtung, die man sich merken sollte.

Der Kontext ist bekannt. Nach dem 4:5 im Hinspiel bei Paris Saint-Germain steht der FC Bayern im Rückspiel vor der Aufgabe, einen Sieg zu erzwingen, um die Triple-Träume am Leben zu halten. Sportlich ist das brutal – aber es ist der Job. Und es ist ein Druck, den die Mannschaft auf dem Platz in Paris selbst erzeugt hat, nicht die Dauerkartenbesitzer an der Säbener Straße. Trotzdem reicht Kompany den Druck weiter: "Wir brauchen unsere Fans und deren Unterstützung mit dem gleichen Feuer wie gegen Madrid."

Bemerkenswert ist dabei die Wortwahl. "Einzige Bitte", "allerfitteste Leute", "Wucht von der Allianz Arena". Das ist die Sprache des Leistungssports, angewendet auf zahlendes Publikum. Ein Fan ist in dieser Logik kein Zeuge mehr, sondern ein Mitwirkender – und zwar einer, der seine Eignung nachweisen muss. Wer müde ist, wer angeschlagen ist, wer nach einer 60-Stunden-Woche einfach nur sein Spiel sehen will: nicht gemeint, bitte weiterreichen.

Kompany meint das natürlich nicht böse. Er meint es vermutlich sogar ehrlich. Und ja, er hat recht, wenn er sagt: "Die 75.000 Leute in der Allianz Arena sind wichtig für uns." Stimmung ist eine Ressource im Spitzenfußball, niemand bestreitet das ernsthaft. Nur: Eine Ressource lässt sich organisieren, eine Stimmung nicht. Sie entsteht aus einem Spiel, das Emotion produziert, aus einer Mannschaft, die die Kurve mitreißt – nicht aus einer Ansage.

Man muss auch sehen, was dieser Appell implizit sagt: Das Eigengewächs der Allianz Arena, das man als "Wohnzimmer" verkauft, ist offenbar nicht automatisch gut genug. Es muss kuratiert werden. Nur die Fittesten, nur die Lautesten, nur die Brauchbaren. Das ist eine Umdeutung dessen, wofür eine Tribüne eigentlich steht – und sie kommt nicht vom Marketing, sondern vom Chef-Trainer.

Dass Kompany selbst nach einer Gelbsperre wieder an der Seitenlinie stehen wird, nachdem Assistent Aaron Danks in Paris gecoacht hatte, passt ins Bild. Er nennt die Tribünen-Erfahrung eine "Katastrophe", er habe sie "nicht genossen". Verständlich. Nur hat er gerade 75.000 anderen erklärt, dass sie sich gefälligst nicht auf die Tribüne setzen sollen, wenn sie nicht in Bestform sind. Die Pointe hätte er haben können, wenn er sie gewollt hätte.