Kölns Trainerexperiment: Wagner kann Taktik – aber noch nicht Chef
Neun Punkte aus acht Spielen, Zweifel an der Führungsrolle: Vor dem Derby wird die Lage für den FC-Coach eng.
Nur neun Punkte aus acht Spielen – beim 1. FC Köln brodelt es vor dem Derby gegen Leverkusen. Einige Fans fordern den Kopf des Trainers, Legende Friedhelm Funkel sorgt sich und bringt sich ins Gespräch. Und das, obwohl kaum jemand an René Wagners Fachkompetenz zweifelt.
Schließlich kennt Wagner das Bundesligageschäft, hat jahrelang als Assistent gearbeitet und gilt als taktisch versiert. Doch ein guter Fußballfachmann ist nicht automatisch ein guter Cheftrainer. Genau diese Unterscheidung macht Julian Witzel (FC-Thekenphilosophen) im Fever Pit'ch Podcast. Eine Mannschaft taktisch vorzubereiten, ist das eine. Sie eigenverantwortlich zu führen, etwas anderes. „Man kann einfach nicht wissen, ob er das in Gänze hat, weil er es ja noch nie gezeigt hat“, sagt Witzel.
Die Zweifel bekommen durch Wagners Entscheidungen während der Spiele neue Nahrung. Gegen Union Berlin reagierte er trotz erkennbarer Probleme erst nach rund einer Stunde mit einem Wechsel. Witzel vermisst das nötige „Fingerspitzengefühl“, um rechtzeitig vom ursprünglichen Plan abzuweichen und auf den Spielverlauf zu reagieren. Auch bei der Vermittlung seiner taktischen Vorstellungen sieht Witzel Probleme. Er vermutet, dass die Vielzahl an Vorgaben die Spieler überfordern könnte: „Vielleicht ist die Mannschaft dann auch zu verloren und weiß nicht genau, woran sie ist und was sie dann auf dem Platz umsetzen soll.“
Bei aller berechtigten Kritik: Wagner hat die zunächst wacklige Defensive durch personelle Umstellungen stabilisiert und die Anfälligkeit bei gegnerischen Standards reduziert. Und natürlich haben die Ausfälle von Ragnar Ache und Thijs Dallinga seine Arbeit in der Offensive erheblich erschwert. Die fehlende spielerische Entwicklung der Mannschaft erklären sie aber nur teilweise. Auch mit dem vorhandenen Personal muss Wagner mehr Durchschlagskraft entwickeln. Seine taktische Ordnung darf die Kreativität seiner Spieler nicht ersticken.
Das Derby gegen Leverkusen ist für Wagner deshalb mehr als ein Prestigeduell. In der anschließenden Länderspielpause muss Sportdirektor Thomas Kessler eine Zwischenbilanz ziehen. Schließlich steht auch er unter Druck. Er war es, der Wagner zum Cheftrainer machte. „Stand jetzt, würde ich sagen, das Trainer-Experiment Wagner bisher auch noch nicht gelungen“, sagt Witzel.
Kessler hat Wagner die Chance gegeben, sich als Cheftrainer zu beweisen. Jetzt muss er auch den Mut haben, ein Scheitern dieses Experiments zu erkennen.
Den kompletten Fever Pit'ch Talk gibt's zu sehen unter diesem Link.
Foto: Imago
Takeaways
- René Wagner kennt das Bundesligageschäft und gilt als taktisch versiert, hat als Cheftrainer aber noch nichts gezeigt.
- Julian Witzel unterscheidet zwischen einem guten Fußballfachmann und einem guten Cheftrainer.
- Wagner reagierte gegen Union Berlin trotz erkennbarer Probleme erst nach rund einer Stunde mit einem Wechsel.
- Wagner hat die Defensive durch personelle Umstellungen stabilisiert und die Anfälligkeit bei Standards reduziert.
- Die Ausfälle von Ragnar Ache und Thijs Dallinga erklären die fehlende Entwicklung nur teilweise.
- Sportdirektor Thomas Kessler machte Wagner zum Cheftrainer und muss in der Länderspielpause eine Zwischenbilanz ziehen.
- Für Witzel ist das Trainer-Experiment Wagner bisher noch nicht gelungen.
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