Klopp und Mertesacker beim DFB: Zwei Wetten auf zwei Zeitachsen

Der Verband holt Verstärkung fürs Atmosphärische und den leisen Umbau. Doch der Neuanfang gelingt nur, wenn beide Ebenen zusammenwirken.

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Klopp und Mertesacker beim DFB: Zwei Wetten auf zwei Zeitachsen
IMAGO/Jan Huebner

Der DFB hat nach dem WM-Debakel zwei Personalentscheidungen getroffen, und man sollte sie nicht in einen Topf werfen. Die eine ist die schnelle Antwort auf einen Schock, die andere der Versuch, etwas Grundsätzliches zu verändern. Jürgen Klopp als Bundestrainer, Per Mertesacker als Geschäftsführer Sport: Der Verband verkauft das als geschlossenen Neuanfang, tatsächlich sind es zwei sehr unterschiedliche Wetten. Wer beide gleich bewertet, verkennt, was der DFB hier eigentlich tut.

Fangen wir bei Klopp an, weil er die Schlagzeile ist. Bernd Neuendorf nennt ihn die "Wunschlösung von Anfang an", spricht von Energie und Lust, und man versteht sofort, warum. Nach dem 3:4 im Elfmeterschießen gegen Paraguay und dem Rücktritt von Julian Nagelsmann braucht der Verband ein Gesicht, das Vertrauen zurückholt. Klopp liefert genau das, ein Meistercoach aus Dortmund und Liverpool, der Stimmung erzeugt wie kaum ein anderer. Der Vierjahresvertrag bis zur WM 2030 zeigt: Der DFB will keine Übergangslösung, er will eine Ära.

Und doch bleibt eine nüchterne Frage. Ein Trainer, so groß sein Name auch ist, korrigiert keine strukturellen Fehler. Er kann eine Mannschaft mitreißen, er kann ein Turnier retten, aber die Ursachen eines Sechzehntelfinal-Aus, der dritten WM-Blamage in Folge, liegen selten allein auf dem Platz. Wer Klopp holt und glaubt, damit sei die Sache erledigt, hätte aus Paraguay nichts gelernt. Die eigentliche Prüfung beginnt am 24. September gegen die Niederlande, und sie ist eine sportliche, keine atmosphärische.

Deshalb ist die zweite Personalie die interessantere, auch wenn sie leiser daherkommt. Per Mertesacker wird zum 1. Januar 2027 Geschäftsführer Sport und ersetzt Andreas Rettig. Der 2014er-Weltmeister ist 41, Rettig 63 – hier findet ein Generationswechsel statt, der über einen einzelnen Trainerstuhl hinausreicht. Dass Rettig ihn in den kommenden Monaten einarbeiten soll, ist ein Detail, das für die Ernsthaftigkeit spricht: Kein Bruch über Nacht, sondern eine geordnete Übergabe. Wer den DFB langfristig umbauen will, muss genau an dieser Stelle ansetzen, nicht alleine an der Seitenlinie.

Auffällig ist die Herkunft des neuen Bundestrainers. Klopp war zuletzt Fußballchef beim Red-Bull-Konzern, sein bis 2029 laufender Vertrag wurde aufgelöst, um zum DFB zu kommen. Man kann das als Beleg für die Anziehungskraft des Nationaltrainer-Amts lesen: Selbst ein Konzernposten wird dafür geräumt. Man kann es auch als Hinweis nehmen, wie sehr sich die Karrierewege im modernen Fußball verschoben haben. Für den DFB zählt am Ende nur, dass Klopp sich freimachen konnte und die Co-Trainer Pepijn Lijnders, Peter Krawietz und Sven Bender mitbringt – ein vielversprechendes Team statt eines Solisten.

Bleibt die Einordnung. Der DFB hat gut reagiert, aber die beiden Entscheidungen wirken auf unterschiedlichen Zeitachsen. Klopp ist die Antwort auf das nächste Turnier, Mertesacker die Antwort auf das nächste Jahrzehnt. Der Erfolg dieses Neuanfangs entscheidet sich nicht daran, wie laut die Vorstellungsrunde am Frankfurter Campus klang, sondern daran, ob beide Ebenen zusammenwirken. Ein starker Trainer ohne strukturelle Reform verpufft, eine Reform ohne sportlichen Erfolg wird nie zu Ende gebracht. Der DFB hat sich beides geleistet: Jetzt muss er beweisen, dass er beides auch aushält.

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