Klinsmanns Kritik an der DFB-Geste offenbart, auf welcher Seite er steht
Der Ex-Bundestrainer nennt den Katar-Protest „respektlos" – und verteidigt damit genau jene, gegen die protestiert wurde.
Zwölf Sekunden dauerte die Geste, um die es hier geht. Elf deutsche Nationalspieler, die Hand vor dem Mund, ein Mannschaftsfoto in Katar am 23. November 2022 – und Jürgen Klinsmann, TV-Experte und ehemaliger Bundestrainer, nennt das heute "absolut respektlos gegenüber dem Gastgeber". Nicht das FIFA-Verbot der "One Love"-Binde. Nicht Infantinos Drohung mit Gelben Karten für Kapitäne. Sondern den stummen Protest dagegen. Diese Umkehrung ist der eigentliche Skandal an Klinsmanns Funke-Interview – und sie verrät mehr über seine Haltung als jeder Appell an den Fokus.
Klinsmann formuliert aus Kalifornien heraus eine Ansage an Joshua Kimmich und die Mannschaft von Julian Nagelsmann, die wie sportlicher Pragmatismus klingt: "Du wirst nicht Weltmeister, wenn du hierherkommst und irgendwelche gesellschaftspolitischen Themen rauf und runter diskutierst. Dann fliegst du früh nach Hause." Der Satz hat Wucht, weil er das Scheitern von Katar als Beweis aufruft – Vorrunden-Aus, 1:2 gegen Japan im Auftaktspiel, raus in der Gruppenphase. Aber er verwechselt Ursache und Wirkung. Deutschland ist 2022 nicht gescheitert, weil elf Spieler zwölf Sekunden lang die Hand hoben. Deutschland ist gescheitert, weil Deutschland gespielt hat, wie Deutschland damals spielte.
Interessant wird es dort, wo Klinsmann konsequent bleibt. Russland 2018 nennt er "fußballerisch ein absolutes Topturnier", auch den Russen habe man "nicht gegönnt, dass sie eine gute WM organisieren können". Das ist keine Ausrutscher-Formulierung, das ist ein Muster. Wer Katar 2022 und Russland 2018 gleichermaßen gegen westliche Kritik verteidigt und nun vor der WM in den USA, Kanada und Mexiko vorsorglich zum Schweigen mahnt – bei welchem Gastgeber wäre für ihn Haltung überhaupt jemals angebracht? Die Frage bleibt im Interview offen, und das ist kein Zufall.
Natürlich sehe er "auch die Probleme, verstehe die Kritik", schiebt Klinsmann nach. Es ist der klassische Einschub, der jede vorherige Behauptung relativieren soll und keine einzige zurücknimmt. Denn im selben Atemzug folgt der Vorwurf, "wir" spielten uns "auf als oberster Richter der Welt". Wer so formuliert, stellt jede Form öffentlicher Positionierung unter Generalverdacht – unabhängig vom Anlass, unabhängig vom Ort.
Das kollidiert mit dem Selbstverständnis der Mannschaft, die Kimmich anführt. Eine DFB-Generation, die sich nicht nur über Ergebnisse definiert, sondern auch über eine Form von öffentlicher Verantwortung, kann diesen Ratschlag nicht annehmen, ohne sich selbst zu verkleinern. Man muss die Mundzuhalte-Geste von 2022 nicht für den größten Akt politischen Widerstands der Sportgeschichte halten. Aber sie war eine Reaktion – keine Provokation. Und wer sie zur Respektlosigkeit umdeutet, verschiebt die Maßstäbe zugunsten derer, die gerade das Stadion besitzen.