Kevin Keegan: Abschied von einem HSV-Star
Ein englischer Nationalspieler in seinen besten Jahren geht nach Hamburg und wird dort zur Legende. Mit 75 ist er gestorben.
Es gibt Fußballer, deren Ruhm sich in Titeln erschöpft, und es gibt jene, die eine ganze Epoche verkörpern. Kevin Keegan, gestorben mit 75 Jahren, gehörte zur zweiten Kategorie. Der zweimalige Gewinner des Ballon d'Or hat Anfang dieses Jahres seine Krebserkrankung öffentlich gemacht, im Juni folgte die Nachricht vom finalen Stadium. Nun ist er gegangen, umgeben von seiner Frau und seinen Töchtern. Ein Abschied mit Ansage macht den Verlust nicht kleiner.
Man kann Keegans Laufbahn an ihren Erfolgen messen: dreimal englischer Meister, einmal Europapokalsieger mit dem FC Liverpool. Das allein wäre ein Karriereende, mit dem sich die meisten Spieler zufriedengeben. Doch das Bemerkenswerte an Keegan ist, was danach kam. 1977, auf dem Höhepunkt seines Ansehens in England, entschied er sich für den Wechsel zum Hamburger SV. Es war kein Abstieg, kein Ausklang, sondern ein Aufbruch dorthin, wo der englische Fußball damals selten hinschaute.
Diese Entscheidung verdient eine eigene Würdigung. Ein englischer Nationalspieler in seinen besten Jahren geht in die Bundesliga: Das war 1977 keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Wagnis. Drei Jahre blieb Keegan in Hamburg, und in dieser Zeit wurde aus dem englischen Star eine HSV-Legende. Dass er just in dieser Phase zweimal zum besten Fußballer Europas gewählt wurde, zeigt, dass der Schritt über den Kanal kein Karriereknick war. Er war ein Beweis dafür, dass Größe nicht an eine Liga gebunden ist.
Der Spitzname "Mighty Mouse" erzählt viel über den Spielertyp, der Keegan war. Nicht der körperlich Überlegene, sondern der Unermüdliche, der sich mit Wille und Beweglichkeit gegen jede Abwehr durchsetzte. 63 Länderspiele und 21 Tore für die englische Nationalmannschaft belegen, dass er auch im Trikot der Three Lions Verantwortung übernahm. Nach der Zeit beim HSV folgten Stationen bei Southampton und Newcastle. Keegan blieb dem Fußball treu, auch als das Rampenlicht anderen gehörte.
Dass er 1999 und 2000 als Nationaltrainer zu den Three Lions zurückkehrte, rundet ein Leben ab, das dem Fußball in mehreren Rollen diente. Vom gefeierten Stürmer zum Verantwortlichen an der Seitenlinie: Keegan hat den Sport nicht nur gespielt, er hat ihn gestaltet. Ob als Trainer die Erfolge des Spielers erreicht wurden, spielt für die Bilanz eines ganzen Lebens keine entscheidende Rolle. Wer zweimal Europas Bester ist, muss sich als Trainer nicht neu beweisen.
Was bleibt, ist das Bild eines Mannes, der Grenzen überschritt, als es kaum jemand tat. Keegan hat Hamburg und Liverpool verbunden, England und den Kontinent, den Spieler und den Trainer. Für den deutschen Fußball ist er mehr als eine Fußnote der Bundesliga-Geschichte: Er ist einer jener seltenen Ausnahmespieler, die in einem fremden Land heimisch wurden und dort Verehrung fanden. Die Familie bittet nun um Ruhe und Privatsphäre. Die gebührt ihr. Der Erinnerung an einen außergewöhnlichen Fußballer tut das keinen Abbruch.
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