Keine Schande: Klopp hat recht, der Ball bleibt im Spiel

Oranje schimpft über ein Tor, das jeder Profi gern selbst geschossen hätte. Der Bundestrainer räumt mit einer Höflichkeit auf, auf die längst die Zeitschinder spekulieren.

Teilen
AMSTERDAM - (LR) Younes Ebnoutalib of Germany, Joshua Kimmich of Germany, Felix Nmecha of Germany, Kevin Schade of Germany celebrate the 0-1, Jan Paul van Hecke of the Netherlands, Denzel Du
Foto: IMAGO/ANP

Beim 1:1 in Amsterdam, dem Nations-League-Auftakt und ersten Spiel von Jürgen Klopp als Bundestrainer, brachte Felix Nmecha die DFB-Elf in der 32. Minute in Führung. Kurz davor hatte sich der niederländische Stürmer Brian Brobbey ohne Einwirkung eines Gegners verletzt und lag im Mittelkreis am Boden; DFB-Kapitän Joshua Kimmich spielte trotzdem weiter und leitete den Angriff ein.

Oranje-Kapitän Virgil van Dijk nennt das Tor deshalb eine „Schande“. Klopp hält dagegen, das Tor sei „vollkommen legitim“, seine Spieler würden „aufgefordert, den Ball nicht rauszuspielen“ — und er hätte es seiner Elf genauso gesagt, wenn es umgekehrt gelaufen wäre. Da steht ein ungeschriebener Fairplay-Kodex gegen eine Regel, die die Verantwortung allein dem Schiedsrichter gibt, ausgetragen zwischen einem Trainer und seinem früheren Kapitän beim FC Liverpool, drei Tage vor dem ersten Heimspiel unter Klopp gegen Griechenland.

Was man zum Streit um das Nmecha-Tor wissen muss

  • Klopp hat eine Anweisung ausgesprochen, keine Ausrede. Der Satz „Die Jungs werden aufgefordert, den Ball nicht rauszuspielen“ macht aus einer einzelnen Szene ein Prinzip. Jeder Gegner der DFB-Elf weiß ab heute, woran er ist. Wird das Schule machen, wenn der Bundestrainer es öffentlich vorlebt?
  • Die Regel ist eindeutig, und Kimmich zitiert sie. „Ich habe keinen Pfiff gehört“, sagt der Kapitän, deshalb sei es völlig korrekt weitergegangen; vor allem bei Kopfverletzungen müsse der Schiedsrichter das Spiel unterbrechen. Von einer Kopfverletzung Brobbeys berichtet keiner der Spielberichte. Wer die Entscheidung beim Unparteiischen lässt, schützt Verletzte wohl zuverlässiger als ein Kodex, der vom Anstand des Gegners abhängt.
  • Der Kodex wird längst ausgenutzt. Das Hinlegen im Rückwärtsgang ist ein bekanntes Mittel, um einen Konter des Gegners zu stoppen. Klopp spricht es nicht aus, aber seine Anweisung entzieht genau diesem Trick die Grundlage.
  • Die stärkste Gegenstimme hat Geschichte. Marcelo Bielsa ließ seine Mannschaft Leeds United im April 2019 Aston Villa ausgleichen, nachdem Leeds getroffen hatte, während ein Villa-Spieler verletzt am Boden lag; dafür bekamen Bielsa und der Klub den Fairplay-Preis der FIFA. Arsène Wenger bot Sheffield United 1999 im FA Cup ein Wiederholungsspiel an, nachdem Arsenal den Ball nach einer Verletzungspause nicht zurückgegeben und daraus das Siegtor erzielt hatte. Der Fußball hat für diese Höflichkeit also schon Punkte geopfert. Ist sie es wert?
  • Van Dijk gegen seinen alten Trainer. Mit Klopp gewann er beim FC Liverpool 2019 die Champions League und 2020 die englische Meisterschaft; ausgerechnet er wählt das härteste Wort. Den Ausgleich in der Nachspielzeit schoss mit Cody Gakpo ein weiterer Liverpool-Profi, den Klopp dort trainiert hatte und nach dem Spiel umarmte. Wie persönlich wird das Rückspiel gegen die Niederlande am 16. November?
  • Die Niederländer messen mit zwei Maßstäben. In derselben Partie wurde ein Kopfballtor von van Dijk nach Videobeweis aberkannt, weil Brobbey bei der Ecke dem deutschen Torwart Marc-André ter Stegen den Weg versperrt hatte. Dazu riefen die früheren Oranje-Profis Rafael van der Vaart „absolute Schande“ und Ronald de Boer „kein grobes Foul“. Dort sollte also Härte zählen, beim Nmecha-Tor plötzlich Rücksicht. Klopp blieb nüchtern: „Es ist eine tolle Ecke, aber es ist ein Foul.“
  • Der Streit lenkt vom eigentlichen Befund ab. Debütant Philipp Treu sagte nach dem Spiel, es sei „hinten raus zu passiv“ gewesen; das 1:1 fiel in der 90.+2 Minute nach einem Ballverlust von Serge Gnabry. Ein Wir-gegen-die-Thema ist bequemer als die Frage, warum Klopps Pressing nach 80 Minuten nachlässt. Hilft ihm die Aufregung vor dem Spiel gegen Griechenland?
  • Die Wirkung nach unten. Am Wochenende spielen Tausende Amateur- und Jugendmannschaften. Wenn der Bundestrainer den Ball im Spiel lässt, wird der Kreisliga-Trainer am Sonntag dieselbe Linie vertreten. Ist das Verrohung oder endlich Klarheit?
  • Die Probe kommt schnell. Am Sonntag spielt die DFB-Elf in Augsburg gegen Griechenland (20.45 Uhr, ARD), am 4. Oktober folgt das Rückspiel in Thessaloniki. Liegt dann ein Grieche am Boden und die DFB-Elf spielt weiter, wird aus der Regelfrage eine Stimmungsfrage im Stadion. Hält Klopp seine Linie auch, wenn sie ihn einen Gegentreffer kostet?