Jürgen Klopp zum DFB: Die Öffentlichkeit hat längst unterschrieben
Drei Quellen, drei Tonlagen, ein Dementi am entscheidenden Punkt. Wird die Erwartung zementiert und die Unterschrift bleibt aus, steht der Verband blamiert da.
Man kann an einem einzigen Tag den Zustand einer Debatte ablesen. Sky und Bild am Sonntag verkünden, der Weg für Jürgen Klopps Wechsel zum DFB sei frei. Sein Berater Marc Kosicke dementiert auf SID-Anfrage eine Einigung mit Red Bull. Der DFB wiederum kommentiert den Verhandlungsstand grundsätzlich nicht und verweist auf die zuständigen Gremien. Drei Quellen, drei Tonlagen: Das ist keine Meldung, das ist ein Stimmungsbild.
Auffällig ist, wie schnell hier eine Personalie zum Selbstläufer wird. Es kursieren bereits ein Unterschriftstermin am Freitag, eine Vertragslaufzeit bis 2030, sogar der Ablauf nach dem WM-Finale am Sonntag. Man diskutiert die Details eines Vertrags, den offiziell niemand bestätigt hat. Genau in dieser Diskrepanz liegt das eigentliche Thema: Der DFB verhandelt, die Öffentlichkeit hat längst unterschrieben. Wer so früh so genau zu wissen glaubt, was noch offen ist, verwechselt Erwartung mit Tatsache.
Dass die Personalie den Verband so beherrscht, hat einen naheliegenden Grund. Nach dem Rücktritt von Julian Nagelsmann, der nach dem abermaligen WM-Desaster gegangen ist, sucht der DFB nicht irgendeinen Nachfolger. Er sucht einen, dessen Name allein schon eine Erwartung erzeugt. Klopp ist der Wunsch-Bundestrainer, und ein Wunsch trägt eine Bürde: Er muss erfüllt werden, damit er nicht zur Enttäuschung wird. Die mediale Vorfestlegung ist deshalb kein Zufall, sondern die Kehrseite der Sehnsucht.
Interessant ist die Konstruktion dahinter. Klopp steht bei Red Bull als "Head of Global Soccer" unter Vertrag, laufend bis 2029. Beim Treffen mit RB-Boss Oliver Mintzlaff in New York ging es um die Bedingungen eines Ausstiegs. Laut Bild am Sonntag stellt der Konzern keine Forderungen, Klopp übernimmt dort keine Aufgaben mehr als Botschafter oder Berater, eine millionenschwere Ablöse will sich der DFB sparen. Klingt geräuschlos – aber genau dieser geräuschlose Teil ist es, den Kosicke dementiert. Wenn ausgerechnet die Einigung mit Red Bull bestritten wird, dann ist die Sache nicht frei, sondern hängt am entscheidenden Punkt.
Man sollte den Widerspruch nicht kleinreden. Ein Berater dementiert selten aus Langeweile, und ein Verband schweigt selten aus Übermut. Beides deutet darauf hin, dass die veröffentlichte Gewissheit der tatsächlichen voraus ist. Für den DFB ist das kein kleines Problem: Wird die Erwartung öffentlich zementiert und die Unterschrift folgt nicht, steht nicht Klopp beschädigt da, sondern der Verband, der sich vorführen ließ.
Bleibt die nüchterne Rechnung. Das erste Länderspiel unter dem neuen Bundestrainer steht am 24. September in Amsterdam gegen die Niederlande an. Bis dahin ist Zeit, aber keine für Improvisation. Ein Wunsch-Bundestrainer, dessen Wechsel öffentlich als beschlossen gilt und intern noch dementiert wird, ist die unbequemste aller Ausgangslagen. Der DFB hat sich für die richtige Haltung entschieden – nicht kommentieren, Gremien entscheiden lassen. Die Frage ist nur, ob die Öffentlichkeit ihm diese Haltung noch zugesteht. Sie hat den Vertrag ja längst unterschrieben.
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