Jürgen Klinsmanns Mahnung: Wer ein Viertelfinale feiert, verwaltet das Mittelmaß
Der frühere Bundestrainer fordert vor der WM einen Anspruch, der wehtut – und kritisiert eine Nation, die sich Niederlagen zu bequem schönredet.
Jürgen Klinsmann hat in der Rheinischen Post einen Satz formuliert, der in seiner Klarheit aus der Zeit gefallen wirkt und genau deshalb diskutiert gehört: „Die Zielvorgabe kann bei Deutschland nur Weltmeister heißen." Vor der WM in den USA, Mexiko und Kanada vom 11. Juni bis 19. Juli fordert der frühere Bundestrainer ein höheres Anspruchsdenken beim DFB. Wer vorher ausscheide oder Pech im Elfmeterschießen habe, sagt der 61-Jährige, darüber lasse sich reden. Aber die Verpflichtung, „immer den WM-Titel ins Visier zu nehmen", sei nicht verhandelbar. Das ist eine Ansage, die im aktuellen deutschen Fußballbetrieb seltener geworden ist.
Bemerkenswert ist, woran Klinsmann diese Haltung festmacht. Ein erneutes Viertelfinal-Aus als Erfolg zu bewerten, nennt er den „komplett falschen Ansatz". Die Heim-EM und der dortige Umgang mit dem Ausscheiden hätten ihn „schockiert". Man darf das ruhig als Kritik an einer Selbstgenügsamkeit verstehen, die sich in den letzten Jahren in den Bewertungsmaßstäben rund um die Nationalmannschaft eingenistet hat. Wer Viertelfinale schon als Etappensieg verbucht, akzeptiert das Mittelmaß als neue Normalität.
Klinsmann argumentiert aus einer Erfahrung heraus, die er selbst durchlebt hat. Er erinnert an das WM-Aus 1994 gegen Bulgarien: „Ich weiß noch, wie wir 1994 verprügelt wurden, als wir gegen Bulgarien verloren haben, und wie man gegen Berti Vogts geledert hat. Wir haben uns wochenlang nicht in die Öffentlichkeit getraut." Das ist keine nostalgische Anekdote, sondern ein Hinweis auf einen verlorenen Maßstab. Damals war ein Viertelfinal-Aus eine Niederlage, die schmerzte. Heute ist es ein Ergebnis, das die Verantwortlichen mit erstaunlicher Souveränität wegmoderieren.
Man muss Klinsmanns Forderung nicht in jedem Punkt teilen, um ihren Kern für richtig zu halten. Eine Fußballnation, die sich selbst ernst nimmt, formuliert große Ziele und erträgt es, an ihnen gemessen zu werden. Das schließt das Scheitern nicht aus, im Gegenteil: Es macht Scheitern erst zu einem Ereignis, aus dem etwas folgt. Wer vorher schon die Erwartung nach unten justiert, schützt vor allem die Beteiligten, nicht den Sport.
Den zweiten Teil seines Plädoyers wird man kontroverser diskutieren. Klinsmann warnt davor, die politische Debatte rund um das Gastgeberland USA über den sportlichen Fokus zu stellen. In Russland und vor allem in Katar habe man in Deutschland „alles kaputt geredet. Damit haben wir unsere Mannschaft praktisch bestraft." Hier ist Widerspruch erlaubt, denn die Debatten um Katar hatten ihre Berechtigung, und sie waren nicht der Grund für das schwache Abschneiden. Aber Klinsmann adressiert ein reales Phänomen: das deutsche Talent, sich in Stimmungen hineinzusteigern, die mit dem Spiel selbst nur noch lose zu tun haben.
Sein Schlusssatz ist deshalb der versöhnlichste und vielleicht der wichtigste. „Wenn unsere Mannschaft und ihre Fans es schaffen, sich auf Fußball zu konzentrieren, wird es eine wundervolle Erfahrung." Das ist keine Forderung nach Schweigen, sondern nach Rückendeckung. Wer Weltmeister werden will, braucht beides: einen Anspruch, der weh tut, und eine Öffentlichkeit, die diesen Anspruch mitträgt. Klinsmann erinnert daran, dass in Deutschland zuletzt beides verloren gegangen ist.