Jogi Löws Absage an die Bundesliga ist eine schonungslose Diagnose für den deutschen Fußball
Der Weltmeistertrainer arbeitet lieber gar nicht, als in der Bundesliga. Seine Kritik am kurzfristigen Denken trifft den Kern des Systems.
Joachim Löw hat seit fast fünf Jahren keinen Klub mehr trainiert. Er hatte Angebote, er wurde gehandelt – zuletzt für die ghanaische Nationalmannschaft, davor für Usbekistan. Trotzdem sitzt er in einem Interview mit der Zeit und sagt einen Satz, der mehr über die Bundesliga verrät als jede Saisonanalyse: „Ich sehe keinen Reiz darin, Wochenende für Wochenende Bundesligaspiele zu bestreiten." Ein 66-jähriger Weltmeistertrainer, der lieber gar nicht arbeitet, als in der Bundesliga zu arbeiten. Das ist kein Ego-Problem.
Man kann Löws Absage als Altersentscheidung abtun. Man kann darauf verweisen, dass er nach der EM 2021 nie wieder auf einer Trainerbank saß und sich offenbar mit seinem Leben arrangiert hat. „Ich bin zufrieden mit meinem Leben", sagt er selbst. Wer wollte, könnte hier aufhören zu lesen. Aber dann verpasst man den entscheidenden Absatz: „Wenige Vereine machen sich die Mühe, ein mittel- oder langfristiges Modell zu entwickeln. Stattdessen wird immer nur die Frage gestellt: Wie können wir gewinnen, aufsteigen, den Klassenerhalt schaffen?" Löw beschreibt keine einzelne Fehlentscheidung. Er beschreibt ein System.
Die Zahlen geben ihm recht. Fast ein Dutzend Trainerwechsel hat die Bundesliga in dieser Saison bereits produziert – und die läuft noch. Wolfsburg ist beim dritten Trainer angelangt, Union Berlin hat gerade Steffen Baumgart entlassen, Leverkusen trennte sich von Erik ten Hag nach zwei Spieltagen. Wer unter solchen Bedingungen ein mittelfristiges Konzept entwickeln soll, braucht keinen Taktikblock, sondern einen Anwalt für Arbeitsrecht. Die DFL selbst beziffert den internationalen Rückstand der Liga auf 15 Milliarden Euro. Löws Kritik am kurzfristigen Denken liefert eine Erklärung, warum dieser Rückstand nicht schrumpft, sondern wächst.
Besonders unbequem wird es, wo Löw das Selbstbild des deutschen Fußballs angreift: „In Deutschland wird gern gesagt: Wir müssen mehr kämpfen, wir müssen dreckig spielen. Damit gewinnt man vielleicht mal ein Spiel oder zwei, aber so wird man nie ein großes Turnier gewinnen oder die Champions League, auch nicht die Bundesliga." Der Satz sitzt, weil er stimmt. Bayern München hat mit 105 Toren gerade einen Torrekord aufgestellt und führt die Liga mit zwölf Punkten Vorsprung an – nicht durch Kampf, sondern durch Qualität. Der Rest der Liga aber reagiert auf Krisen reflexartig mit dem Ruf nach mehr Intensität, mehr Mentalität, mehr Wille. Und dann mit einem neuen Trainer.
Das Gegenargument liegt auf der Hand: Löw selbst hat in seinen letzten Jahren als Bundestrainer keinen Strategiewechsel geschafft, der die Nationalmannschaft aus der Krise führte. Sein eigener Abschied war kein Meisterstück. Wer andere für Kurzfristigkeit kritisiert, muss sich fragen lassen, ob er selbst den langen Atem bewies, den er fordert. Und doch ändert das nichts an der Substanz seiner Analyse. Auch ein Arzt, der selbst raucht, darf eine richtige Diagnose stellen.
Löw sagt, er könne sich vorstellen, „ein Team mit internationalen Ambitionen mit Ausdauer an die europäische Spitze zu führen". Das Schlüsselwort ist Ausdauer. In einer Liga, die Trainer nach zwei Spieltagen entlässt und strategisches Denken als Luxus behandelt, klingt das nicht wie ein Jobangebot: Es klingt wie ein Abschiedsbrief.