Iran-Kapitän Taremi stellt die FIFA bloß
Nach dem 2:2 gegen Neuseeland klagt der Stürmer fehlende Funktionäre, Reisechaos und ungleiche Bedingungen an. Eine WM auf zwei Klassen?
Mehdi Taremi war noch nicht in der Mixed Zone angekommen, da hatte er die Tonlage schon gewählt. Was Irans Kapitän nach dem 2:2 gegen Neuseeland in Los Angeles über die Bedingungen seiner Mannschaft sagte, war keine übliche Nachspielzeit-Klage, sondern eine Generalabrechnung. „Desaster" – dieses Wort nahm der Stürmer von Olympiakos Piräus für die Gesamtumstände der iranischen WM-Teilnahme in den Mund. Wer ihm zuhörte, verstand, dass es ihm nicht um eine verschenkte Führung ging, sondern um die Frage, ob sein Team unter diesen Vorzeichen überhaupt seriös spielen kann.
Konkret machte Taremi seinen Ärger an einem Detail des Abends fest. Für Dienstagvormittag, so berichtete er, sei zunächst ein Regenerationstraining vorgesehen gewesen, „und erst dann sollten wir nach Tijuana aufbrechen". Stattdessen wurden die Iraner aufgefordert, noch am selben Abend in das Trainingscamp im mexikanischen Tijuana zurückzureisen. „Das ist nicht für uns und den Fußball", sagte Taremi. Ein Satz, der sich liest wie eine kleine Beobachtung, aber das Grundproblem dieser Mission auf den Punkt bringt: Eine WM-Mannschaft, die nach dem Spiel Stunden auf der Straße verbringt, statt sich auf das nächste Spiel vorzubereiten, ist sportlich benachteiligt, bevor der erste Pass gespielt wird.
Dass es bei dieser einen Rückfahrt nicht bleibt, machte Taremi mit der Aufzählung dessen deutlich, was im iranischen Tross fehlt. „Wir haben unser Medienteam nicht, wir haben unseren Verbandspräsidenten nicht, auch Teile vom Staff, die so wichtig sind für uns." Eine Nationalmannschaft auf der größten Bühne des Sports, die ohne Präsidenten anreist, ohne Medienabteilung arbeitet und Teile ihres Betreuerstabs vermisst – das ist kein logistisches Pech, sondern ein politischer Befund. Bei einer WM, sagte Taremi, müsse man sich gut auf das nächste Spiel vorbereiten können. Es ist eine fast banale Forderung. Sie zu wiederholen, ist nur deshalb nötig, weil sie offenkundig nicht erfüllt wird.
An dieser Stelle wird die Sache unbequem, auch für die FIFA. „Die FIFA könnte uns mehr helfen", sagte Taremi. Zugleich berichtete er, dass FIFA-Präsident Gianni Infantino in der iranischen Kabine gewesen sei. Die Botschaft, die Taremi mitgegeben wurde, ist bemerkenswert: „Natürlich will er uns helfen. Aber es geht auch um andere Dinge." Wer in einem Satz unterbringt, dass dem mächtigsten Mann des Weltfußballs die Hände gebunden seien, formuliert eine Bankrotterklärung – nicht Infantinos persönliche, sondern die einer Institution, die sich gern als Brückenbauerin inszeniert.
Man muss kein Anwalt der iranischen Mannschaft sein, um die Größenordnung zu erkennen. Der Auftrag des Weltverbandes ist es, Wettbewerbsbedingungen herzustellen, unter denen alle Teilnehmer dieselbe WM bestreiten. Wenn ein Team Quartiere wechseln, Personal zurücklassen und nach Spielen sofort die Grenze passieren muss, ist diese Gleichheit eine Fiktion. Taremis Wutausbruch verbindet deshalb das Sportpolitische mit dem ganz Praktischen: Visafragen, Quartierfragen, Reisefragen, Kabinenfragen.
Bleibt der Eindruck eines Kapitäns, der nicht mehr bereit ist, die Umstände wegzulächeln. Sein 2:2 hat den Iran sportlich am Leben gehalten. Seine Worte danach werden länger nachhallen als das Ergebnis. Und sie zwingen den Weltverband zu einer Antwort, die er bislang offensichtlich schuldig bleibt.