Infantino-Brief: DFB-Präsident Neuendorf durchschaut das Timing

Ein Brief voller Einsicht, drei Monate vor der Nominierungsfrist: Der FIFA-Chef entdeckt die Reform genau dann, wenn er sie braucht.

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Dortmund, Deutschland: 22.08.2026 - Franz Beckenbauer Supercup 2026 - Borussia Dortmund vs. FC Bayern München Im Bild: v.li. DFB Präsident Bernd Neuendorf (DFB) und Bundeskanzler Friedrich M
DFB-Präsident Bernd Neuendorf, hier mit Kanzler Merz. Foto: IMAGO/HMB-Media

Ein Brief an alle Mitgliedsverbände, versöhnlich im Ton, reformwillig in der Sache – abgeschickt von einem Mann, der massiv unter Druck steht. Gianni Infantino, seit 2016 Präsident des Weltverbandes, gibt sich plötzlich einsichtig. Wer den Absender kennt, liest das Datum mit.

Bernd Neuendorf hat es gelesen. Der DFB-Präsident und Mitglied des FIFA-Councils spricht dem Schreiben jede Glaubwürdigkeit ab: „Ich halte das Schreiben von Gianni Infantino für ein durchschaubares Manöver, um seine Wiederwahl im kommenden Jahr zu sichern.“ Genau so ist es. Reform entdeckt man nicht im Kalendermonat der eigenen Bedrohung.

Denn der Zeitplan verrät den Absender. Am 18. November läuft die Frist ab, innerhalb derer ein Gegenkandidat nominiert werden muss. Im März des kommenden Jahres wird gewählt. Und ausgerechnet in dieser Phase entdeckt der 56-Jährige, dass Änderungen unerlässlich seien – ein Wort, das er über Jahre nicht in den Mund genommen hat.

Neuendorf trennt dabei sauber zwischen Sache und Person. „Grundsätzlich scheint nun auch die FIFA erkannt zu haben, dass Änderungen unerlässlich sind“, sagt er – man könnte das als Zugeständnis lesen, dass der Anstoß ja immerhin da ist, egal von wem. Doch der DFB-Chef zieht den Satz sofort gerade: „Allerdings ist Gianni Infantino definitiv nicht die richtige Person, um einen Reformprozess zu moderieren. Er hat jegliche Glaubwürdigkeit verspielt.“ Ein Reformer, dem man den Reformprozess nicht anvertrauen will, ist keiner. Er ist ein Kandidat mit einem Wahlkampfschreiben.

Woher die verspielte Glaubwürdigkeit rührt, steht im Hintergrund dieser Debatte. Infantino trug eine Rolle beim inzwischen verworfenen Plan, Anteile an Turnieren des Weltverbandes an private Investoren zu verkaufen – auch aus dem Umfeld von US-Präsident Donald Trump. Wer den Wettbewerb der eigenen Organisation zum Verkauf anbietet und erst zurückrudert, als der Widerstand zu groß wird, hat sein Gespür für die Grenze des Amtes verloren. Genau diese Grenze soll ein Brief nun wieder zeichnen.

Die UEFA glaubt ihm ebenfalls nicht. Sie fordert nicht nur seinen Rückzug, sie bereitet eine Strafanzeige in der Schweiz gegen ihn vor. Ihr erklärtes Ziel: den Schweizer vor seiner angestrebten Wiederwahl zum Aufgeben zu zwingen. Und sollte Infantino tatsächlich antreten, wird mit großer Sicherheit ein Gegenkandidat ins Rennen geschickt. Vieles deutet auf den kanadischen CONCACAF-Chef Victor Montagliani hin.

Infantino will nicht klein beigeben. Er tritt an, wie geplant, und der zur Schau gestellte Reformwille soll ihm Unterstützung sichern. Nur funktioniert das Manöver dort nicht mehr, wo man es durchschaut hat. Neuendorf hat es durchschaut, die UEFA hat es durchschaut, und die Frist am 18. November sorgt dafür, dass dem Brief bald ein Name gegenübersteht.

Ein Präsident, der Reformen erst verspricht, als seine Wiederwahl wackelt, reformiert nicht die FIFA – er reformiert seine Umfragewerte.