Hoeneß gegen Nagelsmann: Wenn München glaubt, der DFB sei ein Hofstaat
Vor der WM zieht der Bundestrainer höflich, aber bestimmt eine Grenze. Die Aussprache in Berlin zeigt: Hier soll ein Streit gestoppt werden.
Es ist eine alte Münchner Tradition, dass Uli Hoeneß sich zu Wort meldet, wenn er findet, dass etwas schiefläuft. Dass er es diesmal in Richtung Bundestrainer tut, also in Richtung eines Mannes, der formal nicht sein Personal ist, gehört zur Logik des Hauses. Wer den FC Bayern lange genug geführt hat, betrachtet die Nationalmannschaft offenbar als verlängerten Hofstaat. Und so haben Julian Nagelsmann in den vergangenen Wochen Sätze erreicht, die nicht freundlich gemeint waren. Hoeneß hat dem Bundestrainer wiederholt vorgeworfen, kurz vor der WM, die vom 11. Juni bis 19. Juli stattfindet, noch immer keine eingespielte Mannschaft beisammen zu haben. Er hat sich an der Festlegung auf Joshua Kimmich als Rechtsverteidiger gerieben, und er hat den Umgang mit Torhüter Oliver Baumann im Zuge der Rückkehr von Manuel Neuer kritisiert. Das sind drei Themen, die nicht zufällig ausgewählt wirken: Sie betreffen Personalentscheidungen, also genau jenes Feld, auf dem ein Bundestrainer souverän sein muss, wenn er etwas werden will mit dieser Elf. Hoeneß hat damit nicht beraten, er hat eine Linie gezogen. Nagelsmann hat öffentlich nicht gezuckt. Mitte Mai sagte er im ZDF-Sportstudio Sätze, die kühler kaum sein könnten: „Ich schätze Uli extrem – und ich weiß, dass er auch meine Handynummer hat. Und ich freue mich immer, wenn er ganz zwingend ein Thema hat, Verbesserungspotenzial bei uns im Team sieht und es mir mitteilt.“ Und er schob nach: „Uli darf immer was zu mir sagen.“ Das ist kein Friedensangebot, das ist eine Einladung mit Hausordnung. Wer ein Thema habe, möge anrufen, nicht ins Mikrofon sprechen. So höflich kann man kaum deutlicher werden. Nun also, nach Informationen des kicker, eine Aussprache am Rande des Pokalfinales am Samstag in Berlin, im Beisein von Karl-Heinz Rummenigge. Diese Konstellation ist interessanter, als sie auf den ersten Blick wirkt. Rummenigge ist der ehemalige Münchner Klubchef, er kennt Hoeneß seit Jahrzehnten, und er ist im Gegensatz zu Hoeneß jemand, dem auch Bundestrainer zuhören, ohne sich gleich verteidigen zu müssen. Dass er dabei war, klingt nach Vermittlung, nicht nach Zufall. Es klingt danach, dass jemand entschieden hat, dass dieser Streit vor dem Turnier nicht weiterlaufen darf. Damit ist der eigentliche Punkt erreicht. Eine Nationalmannschaft, die wenige Wochen vor einer WM aus München mit Personalkritik beschossen wird, verliert nicht nur Ruhe, sie verliert auch Hierarchie. Der Bundestrainer ist der Bundestrainer, und ein Ehrenpräsident eines Vereins ist, bei allem Respekt vor seiner Lebensleistung, eben nicht Teil der Personalplanung des DFB. Dass Nagelsmann diese Grenze öffentlich höflich, aber bestimmt gezogen hat und sich nun zum Gespräch gesetzt hat, spricht für ihn. Es zeigt, dass er Streit nicht sucht, ihn aber auch nicht scheut. Was bei der Aussprache besprochen wurde, gehört nicht auf den Marktplatz, und das ist gut so. Wichtiger ist, dass die Bilder, die Hoeneß zuletzt erzeugt hat, nicht zum Soundtrack des Sommers werden. Wenn Nagelsmann mit Kimmich rechts hinten und Neuer im Tor in dieses Turnier geht, wird er an Ergebnissen gemessen, nicht an Münchner Stimmen. Bis zum Anpfiff sollte es dabei bleiben.