Hertha BSC: Sechs Punkte, vier Verkäufe - verkehrte Erfolgsrechnung in Berlin
Ein Klub gewinnt und trennt sich trotzdem von seinen Besten. Was als Not verkauft wird, sieht verdächtig nach Plan aus.
Ein Tor, zwei Vorlagen, das war der Samstag von Marten Winkler beim 4:1 gegen den 1. FC Heidenheim. Vier Tage später ist der 23-Jährige weg, verkauft an den RSC Anderlecht, laut Medienberichten für vier Millionen Euro. Wer so spielt, wie Winkler am zweiten Spieltag spielte, gehört normalerweise gehalten. Bei Hertha BSC gehört er offenbar verkauft.
Das ist die verkehrte Logik dieses Klubs: Nicht der schwächste Spieler geht, sondern der, der gerade zeigt, was er wert ist. Hertha startet mit sechs Punkten aus zwei Spielen perfekt in die Zweite Liga und reagiert darauf, indem der Verein den Mann abgibt, der diesen Start mitgeprägt hat. Ausverkauf als Geschäftsmodell, in Reinform.
Winkler ist nicht der erste. Fabian Reese ging zum VfL Wolfsburg, Torwart Tjark Ernst zu Feyenoord Rotterdam, Michael Cuisance zum RC Lens, das Toptalent Kennet Eichhorn zu Bayer Leverkusen. Sportdirektor Benjamin Weber verweist beim Fall Winkler auf „den wirtschaftlichen Rahmen des Transfers und seine restliche Vertragslaufzeit“. Ein Neuzugang von außen steht bislang dagegen: einer.
Man kann das für kaufmännische Vernunft halten. Ein Zweitligist mit angespannter Kasse nimmt vier Millionen Euro für einen Spieler, dessen Vertrag ausläuft, und schlägt zu, solange der Marktwert hoch ist. Weber sagt es fast wörtlich, wenn er die Vertragslaufzeit als Grund nennt. Betriebswirtschaftlich ist an dem Verkauf wenig auszusetzen.
Nur führt diese Vernunft in eine Sackgasse. Winkler ist, wie Weber selbst sagt, „ein Kind unserer Akademie“, 2021 in der Bundesliga debütiert, aus der eigenen Jugend hochgezogen. Genau das ist das Kapital eines klammen Klubs: Spieler, die man nicht kaufen musste. Wer sie regelmäßig verkauft, sobald sie liefern, verwandelt die eigene Nachwuchsarbeit in ein Durchlaufregal für andere.
Der sportliche Preis fällt sofort an, die vier Millionen erst später. Sechs Punkte hat Hertha geholt, gegen alle Erwartung, mitten im großen Umbruch. Ein Team, das so beginnt, braucht Konstanten, keine Kassenzettel. Wenn nach jedem starken Auftritt der nächste Verkauf droht, ist der perfekte Start nicht der Beweis eines Aufbaus, sondern die Preisliste für den nächsten Abgang.
Ein Verein darf verkaufen, wenn er muss. Aber ein Verein, der bei sechs Punkten aus zwei Spielen seinen auffälligsten Mann abgibt und nur einen Externen holt, verkauft nicht aus Not allein. Er hat sich eingerichtet in einem Modell, in dem der Erfolg auf dem Platz vor allem eines steigert: den Wert dessen, was als Nächstes zu haben ist.
Hertha spielt oben mit und plant offenbar für den Verkauf. Das ist kein Kader, das ist ein Schaufenster.
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