Havertz in London: Was in Deutschland nie einer sieht

Arsenal-Trainer Arteta redet nicht über Tore, wenn er den deutschen Nationalspieler erklärt. Er redet über Ruhe – und trifft damit den Kern der ganzen Karriere.

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Premier League 2026 27 Arsenal v Chelsea Emirates Stadium 06.09.2026 Kai Havertz of Arsenal and Cole Palmer of Chelsea Premier League 2026 27 Arsenal v Chelsea Emirates Stadium 06.09.2026 Ph
Foto: IMAGO/News Licensing

Ein Trainer, der nach einem 2:1 gegen den FC Chelsea über seinen Torschützen spricht und zuerst nicht das Tor erwähnt, sondern das Privatleben: Mikel Arteta hat nach dem Topspiel des FC Arsenal einen Satz gesagt, den man über Kai Havertz in Deutschland jahrelang vergeblich gesucht hätte. „Er wirkt glücklich", sagte der Teammanager, „er wirkt ausgeglichen und zufrieden, und auch in seinem Privatleben hat sich viel Positives getan."

Das ist bemerkenswert, weil Havertz hierzulande lange als der unstete Typ galt, dem man Genie und Aussetzer im Wechsel nachsah. Arteta dreht die Erzählung um: Bei Arsenal blüht Havertz auf, und der Trainer nennt als Grund vor allem ein stabiles Privatleben.

Die Zahlen des Abends stützen ihn. Nach dem frühen 0:1 durch Morgan Rogers (2.) besorgte Havertz das wichtige 1:1 (25.). Und am Siegtreffer von Kapitän Martin Ödegaard (50.) war er entscheidend beteiligt, als er eine Hereingabe für den Kapitän durchließ. Nicht die Aktion eines Egoisten, der Tore zählt, sondern die eines Spielers, der die Mannschaft mitdenkt.

Arteta hat das ausdrücklich betont: „Er erzielt Tore, aber nicht nur das – er leistet auch hervorragende Arbeit für die Mannschaft." Er fühle sich fit, trainiere täglich, habe „einen festen Rhythmus". Rhythmus – das ist genau das Wort, das man dem Havertz von früher immer absprach.

Natürlich ist so ein Trainerlob nach einem gewonnenen Spitzenspiel erst mal Alltag. Ein Coach, dessen Mannschaft nach drei Siegen in drei Spielen gleichauf mit Manchester City an der Tabellenspitze der Premier League steht, findet für fast jeden warme Worte, und ein einzelner Abend sagt wenig darüber, ob eine Form eine ganze Saison trägt.

Nur redet Arteta halt nicht über Alltag. Er redet über einen Menschen, nicht über eine Momentaufnahme. Wer die Fitness, den täglichen Trainingsrhythmus und die private Zufriedenheit in einem Atemzug nennt, beschreibt kein Formhoch, sondern ein Fundament. Das eine hält vielleicht ein Spiel. Das andere hält eine Spielzeit.

Und Arteta traut dieser Mannschaft ohnehin mehr zu als bisher. Den Sieg gegen ein „massiv verstärktes" Chelsea wertete er als „ein Zeichen dafür, dass wir zu noch besseren Leistungen fähig sind als in der vergangenen Saison" – jener Saison mit der Meisterschaft und dem Einzug ins Champions-League-Finale. Auf der Insel wird längst wieder über die „Invincibles" um Torwart Jens Lehmann diskutiert, jene Elf, die eine komplette Saison ungeschlagen blieb.

Havertz ist in diesem Gefüge kein Sorgenkind mehr, das man verwaltet, sondern ein Baustein, auf den sich der Trainer verlässt. „Es kommt darauf an, ob wir uns diesen Ehrgeiz und diese Bescheidenheit bewahren", sagte Arteta, „genau das ist der Anspruch der Mannschaft." Der Deutsche erfüllt ihn gerade, ohne Aufhebens.

Bleibt die nüchterne Frage nach der Haltbarkeit. Schon in Sunderland am Samstag werde es „wieder enorm schwierig", warnte Arteta selbst, jede Woche sehe so aus. Das ist wahr. Aber wer über einen Spieler nicht mehr die Tore, sondern die Ruhe hervorhebt, rechnet nicht mit dem nächsten Aussetzer.