Hass-Mails gegen Nagelsmann: Wo die Grenze zwischen Kritik und Beleidigung liegt
Der Bundestrainer erhält Mails, die ihm Geisteskrankheit unterstellen, ein Abwehrspieler kämpft monatelang mit dem medialen Echo. Wo endet noch Meinung?
Es gibt einen Satz, den Julian Nagelsmann in der ARD-Dokumentation "WM-Wahnsinn und Titelträume" fast beiläufig fallen lässt, und der trotzdem hängen bleibt. Der Bundestrainer berichtet von zwanzig E-Mails, die er nach einer Kadernominierung bekommen habe, in denen ihm baldige Heilung gewünscht wurde, weil er - so wörtlich - "geisteskrank" sei. "Du wirst niemals allen gerecht werden", sagt Nagelsmann, "dann finde ich die Kritik ein bisschen schwierig." Es ist eine zurückhaltende und überraschend höfliche Formulierung für einen Vorgang, der mit Kritik nichts mehr zu tun hat.
Man muss diesen Unterschied ernst nehmen, weil er in der öffentlichen Debatte oft verschwimmt. Wer einen Kader für misslungen hält, darf das schreiben, laut und scharf. Wer einem Trainer eine psychische Erkrankung anhängt und sich dafür auch noch in die Pose des wohlmeinenden Genesungswünschers stellt, betreibt etwas anderes. Das ist keine Meinungsfreiheit über sportliche Entscheidungen mehr, das ist ein Übergriff. Und es ist bezeichnend, dass Nagelsmann diese Mails nicht in der Pressekonferenz thematisiert, sondern in einer Dokumentation, in der ohnehin der Blick hinter die Fassade gesucht wird.
Dass Spitzenfußballer und ihre Trainer öffentliche Figuren sind, weiß jeder von ihnen. Sie kassieren Geld, das diese Sichtbarkeit mitbezahlt. Aber Sichtbarkeit ist nicht dasselbe wie Verfügbarkeit. Es gibt eine Linie zwischen "Sie haben den Falschen nominiert" und "Sie sind geisteskrank", und diese Linie ist keine Geschmacksfrage. Sie markiert den Punkt, an dem Kritik in Beleidigung kippt und an dem ein Adressat aufhört, ein Berufsträger zu sein, und zum Empfänger persönlicher Aggression wird.
Wie weit so etwas reichen kann, beschreibt in derselben Dokumentation Nico Schlotterbeck. Der Dortmunder Abwehrspieler sagt über die Zeit nach der WM in Katar: "Das mediale Echo kann mit einem viel machen. Nach der WM in Katar hatte ich lange damit zu kämpfen, das macht was mit einem Menschen." Es habe ihn "über Tage, Wochen, Monate verfolgt". Schlotterbeck hängt einen versöhnlichen Satz an, er sei als Mensch gereift. Der Satz davor wiegt schwerer.
Denn er beschreibt etwas, das im Geschäft selten offen ausgesprochen wird: die Latenzzeit. Ein Turnier endet, die Kameras gehen aus, die Schlagzeilen werden kleiner, und im Spieler arbeitet das Echo weiter. Wer einmal über Wochen lesen musste, was er falsch gemacht haben soll, der trägt das mit ins nächste Trainingslager, in die nächste Saison, in die nächste Nominierung. Das ist kein Argument gegen harte Berichterstattung. Es ist ein Argument dafür, sich klarzumachen, dass auf der anderen Seite kein abstrakter Funktionsträger sitzt, sondern ein Mensch mit Familie, Schlafrhythmus und Selbstbild.
Was Nagelsmann und Schlotterbeck schildern, gehört nicht zusammengeworfen, aber zusammengedacht. Der Trainer, dem Fremde per Mail Krankheiten andichten, und der Spieler, den die Nachbeben eines Turniers monatelang begleiten, beschreiben zwei Stellen derselben Bruchlinie. Auf der einen Seite steht Kritik, die ein öffentliches Amt aushalten muss. Auf der anderen Seite steht etwas, das mit Sport nichts mehr zu tun hat, sondern nur noch mit den Menschen, die ihn betreiben. Wenn ein Fan beides nicht auseinanderhalten will und die Grenze nicht sieht und anerkennt, sollte sich nicht wundern, wenn die nächsten Aussagen dieser Art nicht mehr in einer Dokumentation fallen, sondern vor einem Richter.