Harry Kane und der Traum, der nie stattfindet
Sechs Tore, drei Anläufe, kein Titel: Für den 33-Jährigen ist die Frage nicht, ob er 2030 noch kann - sondern ob er den Moment zum Loslassen erkennt.
Sechs Tore bei einer Weltmeisterschaft, und am Ende doch wieder der Blick auf den Platz drei: Harry Kanes WM-Bilanz ist die Geschichte eines Torjägers, der liefert und trotzdem leer ausgeht. Das 1:2 im Halbfinale gegen Argentinien in Atlanta war sein drittes WM-Scheitern, und diesmal stellt sich die Frage, die bei einem 33-Jährigen unweigerlich mitschwingt: Kommt noch ein Versuch, oder war es das mit dem großen Traum? Kane selbst hat sie offengelassen, und das ist nachvollziehbar. Wer kurz nach einer solchen Niederlage über die eigene Zukunft spricht, spricht aus dem Schmerz heraus, nicht aus dem Kopf. "Kurz nach der schmerzhaften Niederlage sei es aber zu früh, um über die Zukunft zu sprechen", hieß es, und sein Satz "Ich schaue von Jahr zu Jahr, wie ich mich fühle" ist die ehrlichste Auskunft, die ein Spieler in dieser Lage geben kann. Alles andere wäre ein Versprechen, das er nicht halten müsste. Auffällig ist, womit Kane die Tür einen Spalt offenhält. Er verweist auf Messi, der mit 39 "immer noch auf dem höchsten Level" performe, und zieht daraus den Schluss, er wolle "solchen Dingen niemals Grenzen setzen". Der Vergleich ist verführerisch, aber er hinkt. Messi hat gewonnen, was es zu gewinnen gibt, und spielt weiter, weil er es kann und will, nicht, weil ihm noch etwas fehlt. Kane spielt weiter, weil ihm der eine Titel fehlt, den er suchen würde – das ist ein anderer Antrieb, und er ist gefährlicher, weil er nie satt wird. Vier Jahre sind, wie Kane sagt, "natürlich eine lange Zeit". Für einen Stürmer, der im Sommer 33 wird, sind sie mehr als das. 2030 wäre er 36, und die Rechnung, die dann aufgehen müsste, ist anspruchsvoll: fit bleiben, Stammspieler bleiben, treffen bleiben – und das über einen ganzen Turnierzyklus. Dass er bei dieser WM sechs Tore erzielte, spricht dafür, dass er es heute noch kann. Es sagt wenig darüber, ob er es in vier Jahren noch kann. Genau hier liegt die eigentliche Frage, und Kane deutet sie an, ohne sie zu beantworten. Loslassen ist keine Niederlage. Ein Karriere-Bogen, der auf drei WM-Teilnahmen, sechs Toren allein in diesem Turnier und dem Stolz beruht, für das Nationalteam zu spielen, braucht keinen vierten Anlauf, um vollständig zu sein. Die Würde eines Spielers bemisst sich nicht daran, ob er den einen fehlenden Titel noch erzwingt, sondern daran, ob er den richtigen Moment erkennt, in dem das Erzwingen aufhört, sinnvoll zu sein. Kane hat diesen Moment noch nicht erreicht, und er muss ihn jetzt auch nicht ausrufen. Zunächst wartet am Samstag in Miami das Spiel um Platz drei gegen Frankreich – eine Partie, die selten jemand als Höhepunkt einer Karriere verbucht. Wenn Kane in vier Jahren wiederkommt, dann sollte es die Entscheidung eines Spielers sein, der noch trägt, nicht die eines Stürmers, der einen Traum nicht loslassen kann. Der Unterschied entscheidet, ob 2030 ein Aufbruch wird oder ein Nachtrag. Unbedingt lesen: Kane über weitere WM: "Vier Jahre sind eine lange Zeit"