Hannover verwirft die Neuausrichtung nach fünf Monaten
Der Aufsichtsrat verwirft seinen eigenen Plan, bevor er wirken konnte. Vor Dresden steht der Klub da, wo er vor Boldt stand – nur mit weniger Zeit.
„Die Unruhe ist schon etwas länger da, deswegen hat man mich geholt, weil man eine Neuausrichtung wollte.“ Diesen Satz sagte Jonas Boldt nach dem Pokal-Aus gegen den 1. FC Kaiserslautern. „Die nehme ich an, dafür bin ich da, daran werden wir weiter arbeiten.“ Drei Tage später hat der Aufsichtsrat von Hannover 96 den Mann abberufen, der für genau diese Arbeit geholt wurde.
Ende Mai hatte Boldt für drei Jahre unterschrieben, als Nachfolger von Jörg Schmadtke. Am Samstag, nach fünf Monaten, verständigte sich der Aufsichtsrat einstimmig auf seine Abberufung. Ein Klub, der einen Sport-Geschäftsführer für die Neuausrichtung verpflichtet, verwirft sie, ehe sie überhaupt wirken konnte – und verwechselt dabei den Mann mit dem Problem.
Denn das Problem bei den Roten heißt nicht Boldt, es trägt nur zufällig seine Handschrift. Der 44-Jährige hatte nach dem Fehlstart Trainer Christian Titz entlassen und Sandro Wagner engagiert. Unter dem früheren Nationalspieler steht das Team nach vier Spielen noch ohne Sieg, dazu das 0:2 im DFB-Pokal gegen Kaiserslautern. Dass die Fanszene Boldt hart kritisierte, ist nachvollziehbar. Dass der Aufsichtsrat denselben Schluss zieht, ist es nicht: Wer einen Drei-Jahres-Vertrag nach fünf Monaten zerreißt, bestraft einen Mann für Entscheidungen, deren Wirkung niemand abwarten wollte.
Natürlich ließe sich sagen, ein schneller Schnitt sei ehrlicher als ein Festhalten aus Prinzip, wenn die Entwicklung so entgleist wie bei einem Tabellensechzehnten. Martin Kind, der Patron des Klubs, hat dem NDR den Ernst der Lage selbst diktiert: „Wir haben die Arena gebaut, die Akademie – wenn wir in die 3. Liga absteigen, wäre das ganze Modell nicht finanzierbar.“ Und weiter: „Das wäre abenteuerlich und das kann ich nicht akzeptieren.“ Wer so viel zu verlieren hat, darf keine Minute verschenken.
Nur passt die Rechnung nicht zusammen. Wenn ein Abstieg das ganze Modell sprengt, dann ist Zeit das knappste Gut, das Hannover besitzt – und eben keines, das man mit dem Austausch des Sportchefs gewinnt. Boldt war fünf Monate im Amt, Wagner vier Spiele. Das ist zu wenig, um zu scheitern, und viel zu wenig, um darauf einen Neuanfang zu bauen, der schon der zweite in diesem Jahr wäre. Henning Bindzus ist nun alleiniger Geschäftsführer. Er erbt einen Kader, einen Trainer ohne Sieg und ein Aufsichtsratsurteil, das die eigene Strategie für ungültig erklärt.
Die Pointe steckt im Wort „Neuausrichtung“ selbst. Es war die Begründung, mit der man Boldt holte. Es ist die Begründung, die man jetzt entsorgt. Ein Klub, der seine Richtung alle paar Monate neu ausrichtet, hat keine – er hat nur Unruhe, und die war, wie Boldt richtig sagte, ja schon etwas länger da.
Am Sonntag um 13.30 Uhr kommt Dynamo Dresden in die Arena, die Kind meint, wenn er vom Modell spricht. Hannover ist Sechzehnter, und wenn es schiefgeht, steht die Existenzfrage, die der Patron selbst formuliert hat. In diese Partie geht der Klub nun ohne den Mann, der die Antwort darauf finden sollte. Das ist keine Neuausrichtung. Das ist das alte Problem mit einer Stelle weniger.