Gregoritsch: Wenn ein Stürmer kurz die Arithmetik des Geschäfts ignoriert
Gregoritsch gewinnt den Fair-Play-Award, weil er einen Elfmeter zurücknahm. Eine Geste gegen die Logik des eigenen Gewerbes.
Es gibt Auszeichnungen, die werden für Tore vergeben, für Vorlagen, für Paraden. Und es gibt eine, die wird vergeben, weil jemand kurz vor der Pause auf dem Rasen lag und dem Schiedsrichter etwas gesagt hat, das ihm selbst nicht half. Michael Gregoritsch, Stürmer des FC Augsburg, hat den „Fair Play of the Season"-Award 2025/26 erhalten. Es ist die fünfte Vergabe, abgestimmt von Fans, Klubs und ehemaligen Profis. Der Anlass dauerte ein paar Sekunden.
28. Spieltag, Anfang April, Auswärtsspiel beim Hamburger SV. Beim Stand von 1:0 für Augsburg geht Gregoritsch im Zweikampf mit Fabio Vieira zu Boden, kurz vor dem Halbzeitpfiff. Die Hamburger protestieren, Schiedsrichter Deniz Aytekin sucht das Gespräch mit dem Gefoulten, und Gregoritsch gibt zu, dass es kein Elfmeter war. Es bleibt beim 1:0 zur Pause. In der zweiten Hälfte kommt der HSV zum 1:1-Ausgleich.
Man kann sich diese Szene betriebswirtschaftlich anschauen, und das ist die Übung, die sich an dieser Stelle lohnt. Der Profifußball ist eine Branche, in der jede Aktion auf dem Platz mit Geld, Tabellenplatz und Vertragslaufzeit verrechnet wird. Ein Elfmeter beim Stand von 1:0 in Hamburg ist kein moralischer Moment, er ist eine potenzielle Vorentscheidung, kalkulierbar in Punkten und damit in Prämien. Wer in dieser Lage das Mikro ausschaltet und dem Schiedsrichter sagt, was wirklich passiert ist, handelt gegen die Logik des eigenen Gewerbes. Genau deshalb ist die Auszeichnung mehr als ein Ehrenpunkt im Lebenslauf.
Reizvoll ist die biografische Färbung. Gregoritsch lief von 2015 bis 2017 für den HSV auf, also ausgerechnet bei jenem Klub, dem er nun mit seiner Einschätzung indirekt half. Wer den Profifußball lange genug beobachtet, weiß, wie selten ehemalige Spieler ihren Ex-Klubs überhaupt eine Geste schuldig zu sein meinen. Üblicher ist die Demonstration, dass man sich über frühere Stationen erhoben hat, durch Tor und Jubel, durch das kleine Theater des Nicht-Jubelns, durch was auch immer. Ehrlichkeit ist in diesem Repertoire keine vorgesehene Variante.
Bemerkenswert ist auch die Rolle des Schiedsrichters. Aytekin entschied nicht aus dem Bauch und nicht aus der Studiokabine, er fragte den Spieler. Das wirkt unspektakulär, ist aber eine Praxis, die nur funktioniert, wenn der Gefragte mitspielt. Im konkreten Fall hat sie funktioniert, und das System Schiedsrichter–Spieler hat einen kurzen Moment funktionierender Selbstregulierung produziert. Solche Momente sind die Voraussetzung dafür, dass man in einem Sport, der von Millisekunden und Zentimetern lebt, überhaupt noch von Fairness reden kann, ohne in Sonntagsrede zu kippen.
Sportlich hat sich am Ende für niemanden etwas verbaut. Sowohl die Hamburger als auch die Augsburger feierten im weiteren Saisonverlauf den Klassenerhalt, also zwei Klubs, denen die Szene nicht im Weg stand. Gregoritsch fährt mit Österreich zur Weltmeisterschaft in die USA, nach Mexiko und nach Kanada, das Auftaktspiel gegen Jordanien in Gruppe J steht am 17. Juni an, also in fünf Tagen. Wenn er dort trifft, wird kaum jemand mehr an Hamburg denken. Aber dass er den Award bekommt, weil er einmal kurz die Arithmetik des Geschäfts ignoriert hat, ist die Pointe, die bleibt.