Glas dreiviertelvoll! Was das deutsche 7:1 wirklich bedeutet

Viele Tore nach kurzer Krise im WM-Auftakt gegen Curacao: Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel analysiert den klaren Sieg des DFB-Teams

Teilen
Glas dreiviertelvoll! Was das deutsche 7:1 wirklich bedeutet
Foto: Imago / Zuma Press

Den letzten deutschen WM-Auftakt, den ich persönlich im Stadion erlebt habe, gewann Deutschland mit 8:0 gegen Saudi-Arabien. Das war 2002. Danach segelte die von Miro Kloses Toren beflügelte Mannschaft bis ins Finale. Das gestrige 7:1 gegen Curaçao mit zwei Kai-Havertz-Treffern und Superjoker Deniz Undav hat mich daran erinnert.

Besser kann man ergebnistechnisch kaum in eine WM starten, auch wenn der Gegner kein Maßstab gewesen ist: Curaçao hat weniger Einwohner als mein Bezirk Hamburg-Eimsbüttel.

Ich bewerte die Leistung des DFB-Teams gegen die 82. beste Mannschaft der Welt deshalb vorsichtig optimistisch mit Glas dreiviertelvoll. Weil die Ausbeute stimmte, weil viele Tore geschossen wurden, weil sich die Mannschaft nach dem Ausgleich durchbiss – man darf nicht vergessen, wie nervös ein WM-Auftakt machen kann. Die Turniere 2018 und 2022 haben genügend Anschauungsmaterial geliefert.

Man darf auch nicht außer Acht lasssen, dass bei diesem Turnier andere namhafte Mannschaften erhebliche Probleme hatten: Die Brasilianer gewannen nicht gegen Marokko, die Schweizer nicht gegen Katar, die Türken verloren gegen Australien.

Glas dreiviertelvoll, weil Undav nach seiner Einwechslung in 24 Minuten drei Scorerpunkte sammelte. Und weil Jamal Musiala ein Tor schoss – gut fürs Selbstbewusstsein des eigentlich besten deutschen Spielers, der seine schwere Verletzung von der Klub-WM einfach nicht aus dem Kopf kriegt.

Glas dreiviertelvoll, weil Bundestrainer Julian Nagelsmann gleich drei neue Topstars präsentiert hat, mit denen die Welt nicht rechnete: den Stuttgarter Undav, den Dortmunder Felix Nmecha, überragend als Torschütze und Vorbereiter, und den pfeilschnellen Frankfurter Nathaniel Brown, der eine top Leistung auf der Problemposition hinten links zeigte und ebenfalls traf.

Glas dreiviertelvoll, weil aufgrund des lustigen Fifa-Reglements ein 7:1 quasi das Erreichen der K.o.-Runde bedeutet – das wäre das beste deutsche Abschneiden bei einer WM seit 2014.

Ein bisschen meckern sollte man aber auch. Glas einviertelleer, weil ich zwischendurch dachte: Wenn das DFB-Team gegen die Elfenbeinküste und Ecuador so eine Defensivleistung zeigt, werden wir das Torverhältnis noch gut gebrauchen können. Rund um den Ausgleich in Minute 21 durchlebten wir eine Phase des Spiels, in der ich an die letzten zwei WM-Turniere dachte: Geht das jetzt schon wieder los!?

Glas einviertelleer, weil Leroy Sané phasenweise spielte, als hätte er seinen Startplatz im Lotto gewonnen. Einmal rannte er beim Kontern Richtung Seitenlinie und schob den Ball ins Aus. Das war der Moment, in dem ich überprüfte, ob mein Fernseher defekt ist.

Ist aber alles egal, solange das Ergebnis stimmt und seinen Zweck erfüllt: Die Stimmung im deutschen Team war schon vorher super, hieß es, nach dieser brasilianischen Eröffnung dürfte sie überkochen.

Übrigens erreicht Deutschland statistisch gesehen zwölf Jahre nach einem WM-Sieg immer das WM-Finale: 1954+12=1966. 1974+12=1986. 1990+12=2002.

2014+12=2026. Noch ein gutes Zeichen.


Hier bestellen: Die besten Steudel-Kolumnen als Buch

Meine Kolumnen gibt es auch als Buch – Titel: Wäre, wäre, Fahrradkette - Die besten Fußball-Kolumnen von Alex Steudel seit 2020. 86 Kolumnen, 257 Seiten, 15,99 Euro: Hier bestellen! Wer fürs gleiche Geld portofrei ein signiertes Exemplar will: Einfach Mail an post@alexsteudel.de schreiben.