Fußball auf Probe: New Yorker Straßenschilder mit Verfallsdatum
Die Stadt ehrt zwei Pioniere befristet bis November. Ob daraus mehr wird als Stadtmarketing, entscheidet sich nicht an Schildern, sondern in den Parks.
New York hat sich kurz vor dem WM-Auftakt eine Geste geleistet, die irgendwo zwischen Erinnerungspolitik und Stadtmarketing changiert. An der West 50th Street erinnert nun ein Schild an Thierry Henry, in Queens trägt die Kreuzung Shea Road/Meridian Road vorübergehend den Namen Pelés. Beide Ehrungen sind bis zum 1. November befristet und gehören zu den städtischen Begleitmaßnahmen rund um das Turnier, das am 19. Juli im MetLife Stadium endet, das für die WM in „New York New Jersey Stadium" umbenannt wurde. Es ist eine Geste mit Verfallsdatum, und vielleicht passt gerade das zum amerikanischen Verhältnis zum Fußball.
Denn wer in den USA Fußballgeschichte schreibt, schreibt sie meist in Etappen, mit Unterbrechungen, mit Pionieren, die kommen und wieder gehen. Pelé war so einer. Von 1975 bis zu seinem Karriereende 1977 stand er bei den New York Cosmos unter Vertrag, an der Seite von Franz Beckenbauer, und er war damals nicht einfach ein alternder Weltmeister auf Abschiedstour. Er war der Versuchsaufbau, ob dieses Spiel in einem Land Fuß fassen kann, das andere Sportarten längst kanonisiert hatte. Das Experiment endete früh, die North American Soccer League verschwand, aber die Bilder blieben.
Henrys Geschichte ist die jüngere, und sie ist die andere Seite der Medaille. Der Franzose, Weltmeister 1998, langjähriger Stürmer beim FC Arsenal und beim FC Barcelona, kam in einer Phase zu den New York Red Bulls, in der die Major League Soccer längst keine Kuriosität mehr war, sondern ein Ligabetrieb mit eigenen Strukturen. Bis 2014 trug er dort maßgeblich zur Popularität des Fußballs in den USA bei. Das ist eine andere Form von Pionierarbeit als die Pelés: nicht das Pflanzen eines Samens, sondern das geduldige Wässern.
Dass beide jetzt nebeneinander geehrt werden, ist auch ein erzählerischer Trick der Stadt. Es verbindet zwei Epochen zu einer Linie, und diese Linie führte natürlich auf das Turnier zu, das seit Donnerstag läuft. Henry selbst hat das auf Instagram dankbar quittiert: „Als Franzose, der London sein Zuhause nennt, bleibt New York meine Lieblingsstadt der Welt. Eine Straße nach mir benannt zu bekommen, ist eine Ehre, von der ich nur träumen konnte." Er war bei der Enthüllung per Video zugeschaltet. Pelé, Ende 2022 verstorben, kann selbst nichts mehr sagen.
Man kann das alles als Marketing lesen, und man würde nicht falsch liegen. Eine Stadt, die ihr Stadion für die Dauer eines Turniers umbenennt, hat keine Scheu vor symbolischer Übermalung. Aber die Auswahl ist trotzdem klug. Henry und Pelé sind keine austauschbaren Botschafter, sondern zwei Spieler, die tatsächlich in New York unter Vertrag standen und tatsächlich ein Erbe hinterlassen haben. Das Stadtmarketing greift hier nicht ins Leere, sondern auf vorhandene Substanz zurück.
Bleibt die Frage, was übrig bleibt, wenn die Schilder am 1. November wieder abgeschraubt werden. Vermutlich nicht viel im Stadtbild, aber das war auch nie der Anspruch. Die kulturelle Verankerung des Fußballs in den USA hängt nicht an Straßennamen, sondern an der Frage, ob nach dem Turnier mehr Kinder in den Parks von Queens und Brooklyn einen Ball treten als vorher. Henry und Pelé haben dafür ihren Teil geleistet, jeder zu seiner Zeit. Den Rest entscheidet das Spiel selbst.