Füllkrug trifft und trifft - und sollte trotzdem nicht zur Nationalelf
Man erlebt den Werder-Torjäger seit der Rückkehr nach Bremen in Höchstform, darf jedoch nicht vergessen, dass er zwei Jahre lang in England und Italien eine Enttäuschung war
Wir wissen alle, dass Niclas Füllkrug nicht die Qualitäten des neuen Ballon d'Or-Gewinners Harry Kane hat. Wir wissen aber auch: Füllkrug ist mit acht Treffern aktuell der beste Torjäger der Bundesliga (vier Tore mehr als Kane) und schoss gestern Abend im DFB-Pokal sogar Borussia Dortmund fast in die Depression.
Zuerst verwandelte er einen Elfmeter zum Anschlusstreffer. Danach tunnelte er Nationalspieler Waldemar Anton und sprintete mit Ball am Fuß zum Ausgleichstor. Am Ende reichten Werder Bremen seine zwei Tore beim 2:3 zwar nicht zum Weiterkommen im Pokal. Aber eine berechtigte Frage bleibt.
Muss Füllkrug zurück in die Nationalmannschaft? Der gesunde Menschenverstand sagt: Ja! Ein Stürmer, der reihenweise Tore schießt, fällt unter die Matthäus-Doktrin, wonach immer die Besten beim DFB spielen müssen, und bestätigt das Rehhagel-Grundgesetz: Es gibt nur Gute und Schlechte, nicht Alte und Junge.

Ich mahne trotzdem zur Vorsicht. Zum einen: Wir erleben Füllkrug seit der Rückkehr zu Werder Bremen in Höchstform, dürfen jedoch nicht vergessen, dass er zwei Jahre lang in England und Italien eine Enttäuschung war. Zum anderen: Er ist jetzt 33. Beim nächsten Turnier, bei der Insel-EM 2028, wäre er 35.
Wir können nicht voraussetzen, dass er dann noch immer die Form zeigt, die wir gerade sehen. Bundestrainer Jürgen Klopp hat ja recht: Bei der Nationalelf muss er perspektivisch denken und handeln, also den Kader aufbauen, der nicht jetzt in der Nations League reüssiert, sondern in zwei Jahren beim EM-Turnier.
Wohin das Festhalten an erfahrenen und verdienten Nationalspielern führen kann, haben wir seit 2018 bei fünf Turnieren erlebt: in Enttäuschungen. Wir alle wollen doch, dass die jungen Wilden ihren Reifeprozess durchlaufen und dann ein Turnier zaubern, wie wir's zuletzt 2014 und mit Abstrichen 2016 gefeiert haben.

Niclas Füllkrug gehört, bei aller Sympathie und trotz Formhoch, nicht in diese Gruppe. Schlimmer noch: Vielleicht würde er sogar einen Ausbildungsplatz für einen dieser Jungen (Stichwort: Nicolò Tresoldi) blockieren und die Entwicklung hemmen. Das klingt jetzt vielleicht brutaler, als es hier gemeint ist.
Wir haben nur nichts davon, wenn Füllkrug bei den nächsten zwei Länderspielen am 13. November in Serbien und am 16. November in Berlin gegen die Holländer auftrumpft. Das wäre ein Trostpflaster oder ein Stück Genugtuung, nicht mehr. Für ihn, für unsere Seele, fürs Tabellenbild, was auch immer. Und dann?
Die Wahrheit ist doch: Die Länderspiele in der Nations League sind bessere Tests zwischen Welt- und Europameisterschaften, Experimentierfelder zum Aufbau einer konkurrenzfähigen Nationalmannschaft. Klopp hat diesen mühsam Weg begonnen. Füllkrugs Nominierung wäre ein Rückschritt. Trotz seiner Tore.

