FIFA-Statement zum Fall Balogun ist das Papier nicht wert
Die 13 Absätze sind juristische Deckung - aber erwähnen mit keinem Wort, warum ausgerechnet der Star des Gastgeberlandes profitiert. Es ist eine Verteidigungsschrift, die mit jedem gelesenen Absatz durchschaubarer wird.
Es gibt einen Satz in diesem Statement, der alles trägt – und er steht nicht drin. Am 5. Juli setzte die FIFA-Disziplinarkommission die automatische Sperre von Folarin Balogun aus, dem Torjäger des Gastgeberlandes, gesperrt nach glatt Rot gegen Bosnien-Herzegowina. Am 6. Juli erklärte die Kommission in dreizehn Absätzen, warum das rechtens war. Kein einziger davon erklärt, warum es geschah.
Das ist die Trennlinie, an der dieses Papier zerfällt: Es beantwortet erschöpfend die Frage „Durften wir das?" – und mit keinem Wort die Frage „Warum haben wir das getan?". Nur die zweite interessiert die Fußballwelt.
Denn die Sperre fiel nicht in ein juristisches Vakuum. US-Präsident Donald Trump rief FIFA-Boss Gianni Infantino nach dem Sieg gegen Bosnien an und bat um eine Überprüfung der Roten Karte. Ein US-Offizieller berichtete, die „US-Regierung" habe „zusätzliche Beweise" geliefert, die die Kommission im Verfahren verwendete. Und plötzlich ergibt die Dramaturgie des Statements Sinn. Warum eröffnet Absatz 7 ausgerechnet mit „Unabhängigkeit" und „Unparteilichkeit"? Weil genau die unter Beschuss stehen. Was sind die „vorliegenden Beweise", auf die sich Absatz 10 beruft? Offenbar Material, das die Regierung des Gastgeberlandes zulieferte. Die Begründung fehlt nicht aus Nachlässigkeit: Sie fehlt, weil man sie nicht hinschreiben kann.
Bleibt der Verweis auf die Vergangenheit. „Nicht beispiellos", schreibt die FIFA in Absatz 11, ähnliche Entscheidungen habe es in der WM-Qualifikation gegeben. Formal stimmt das. Es täuscht trotzdem. Denn erstens liefen zwei der stets genannten Fälle – Caicedo, Otamendi – gar nicht über den bemühten Artikel 27, sondern über eine vor dem Turnier geänderte Regelung. Übrig bleibt Ronaldo, dessen Rote Karte in einem Qualifikationsspiel fiel und der einen Teil seiner Sperre in einem Freundschaftsspiel absaß. Und zweitens, der entscheidende Punkt: Sämtliche echten Vorläufer stammen aus der Qualifikation. Im WM-Turnier selbst ist der Vorgang präzedenzlos. „Nicht beispiellos" heißt hier: noch nie dagewesen, wo es zählt.
Der Satz aber, der die FIFA-Behauptung gleichmäßiger Anwendung endgültig zerlegt, steht nicht im Statement. Er steht auf dem Platz. Beim Eröffnungsspiel am 11. Juni sah Südafrikas Themba Zwane für ein vergleichbares Vergehen Rot – und kassierte drei Spiele Sperre, ohne Bewährung, ohne Milde, ohne Rückkehr ins Turnier. Gleiches Turnier, ähnliches Foul, gegensätzliche Behandlung. Was unterscheidet Zwane von Balogun? Nicht die Schwere des Fouls. Sondern die Nationalität – und die Telefonnummer, die für den einen gewählt wurde.
Die UEFA nannte die Entscheidung eine überschrittene „rote Linie", beispiellos, unbegreiflich, nicht zu rechtfertigen. Die FIFA hat das gelesen – und kontert im letzten Absatz mit exakt diesem Bild: In UEFA-Ligen würden Rote Karten ständig aufgehoben, ohne dass je jemand von einer „roten Linie" spreche. Ein rhetorischer Konter, der ins Leere läuft. Denn in den Ligen werden Karten aufgehoben, wenn der Schiedsrichter irrte. Hier besteht die FIFA in Absatz 8 ausdrücklich darauf, die Karte sei richtig gewesen. Sie sagt also: verdientes Foul, verdiente Sperre – erlassen wir trotzdem. Das ist keine Fehlerkorrektur. Das ist Gnade nach Aktenlage.
Dabei hätte die FIFA eine Verteidigung gehabt, die sportlich trägt. Selbst England-Coach Thomas Tuchel sagte, es sei gar keine Rote Karte gewesen; US-Trainer Mauricio Pochettino nannte die Strafe unverhältnismäßig für ein unabsichtliches Foul. Hätte die Kommission mit Unverhältnismäßigkeit argumentiert, stünde sie verteidbar da. Stattdessen schützt sie in Absatz 8 Schiedsrichter und Videobeweis – und flüchtet in einen Bewährungs-Trick, der schlechter aussieht als das Problem, das er löst. Die FIFA legt ihr bestes Argument ab, um ihr schwächstes zu behalten.
Was bleibt, ist ein Papier, das mit jedem Absatz schwächer wird. Die einzige tragfähige Säule ist der nackte Wortlaut von Artikel 27: Den gibt es, die Bewährungslogik ist real. Alles darüber ist Verpackung. Und der eigentliche Schaden ist nicht das eine Match, das Balogun spielen darf. Es ist der Satz, den die FIFA über sich selbst geschrieben hat: Regel-Sicherheit gilt – bis der richtige Präsident anruft. Ausgerechnet Sepp Blatter, gestürzt über Korruption, hat die Sollbruchstelle am präzisesten benannt: Rote Karten würden nicht durch politische Telefonate aufgehoben, sondern durch Regeln, Beweise und unabhängige Gremien. Also durch exakt die drei Dinge, die dieser Anruf beschädigt hat.