Energie Cottbus: Wollitz stellt sich gegen die eigene Kurve
Nach dem 4:4 in Wolfsburg verteidigt der Trainer einen ausgepfiffenen Gegner – und riskiert den Ärger seiner Anhänger bewusst.
Ein 0:3 aufgeholt, am Ende ein 4:4 beim Aufstiegsaspiranten VfL Wolfsburg – nach einem solchen Comeback müsste ein Trainer eigentlich strahlen. Claus-Dieter Wollitz aber, 61 Jahre alt und Trainer von Energie Cottbus, holte nach dem Spiel zu etwas ganz anderem aus. Nicht der eigene Rückstand brachte ihn in Rage, sondern das Verhalten der eigenen Kurve. Denn seine Fans hatten Fabian Reese ausgepfiffen, den Wolfsburger Angreifer, der wegen seines Wechsels von Hertha BSC in vereinsübergreifenden Fankreisen in Ungnade gefallen ist. „Was soll das?“, polterte Wollitz. „Ich finde das unmöglich. Warum muss unser Verein oder müssen unsere Fans diesen Spieler auspfeifen?“ Ein Trainer stellt sich öffentlich gegen seine eigenen Anhänger und auf die Seite eines Gegners: Genau das ist die Haltung, die man ihm hoch anrechnen muss. Wollitz macht dabei nichts, was ihm nützt. Im Gegenteil, er weiß, was er riskiert: „Auch wenn ich dadurch Probleme habe, nehme ich die gerne.“ Die Rechnung ist einfach – wer die eigene Kurve abkanzelt, wird selten von ihr gefeiert. Trotzdem legte er nach: „Was hat dieser Spieler als Mensch getan? Der hat Energie Cottbus nichts getan. Dann bin ich auf seiner Seite.“ Man könnte einwenden, dass Pfiffe gegen einen ehemals verhassten Spieler zum Fußball gehören wie die Fahnen und die Gesänge. Reese hat den Verein gewechselt, er ist zum Feindbild geworden, und die Kurve reagiert, wie Kurven eben reagieren – emotional, laut, gnadenlos. Ein Trainer, der das öffentlich verurteilt, greift in ein Ritual ein, das älter ist als er selbst im Amt. Doch Reese ist kein Symbol, sondern ein Mensch, der jüngst selbst eröffnet hat, dass ihn die Pfiffe und Schmähungen durchaus treffen. Schon in der Vorwoche beim Karlsruher SC musste er sich ein Pfeifkonzert anhören, jetzt in Cottbus das nächste. Wollitz benennt genau diesen Punkt: „Einen Jungen, 28, 29 Jahre, der diesen Traum hat, Fußball zu spielen, den Traum hat, aufzusteigen – die machen den komplett kaputt und gehen nach Hause und lachen sich darüber kaputt.“ Dass er mit dieser Sicht nicht allein steht, zeigt sein Wolfsburger Kollege Tobias Strobl: „Jeder Mensch sollte sich mal hinterfragen. Was ist, wenn er dort steht oder sein Sohn, sein Kind dort stehen würde?“ Und selbst in der VfL-Kurve war vor dem Anpfiff ein Banner zu lesen: „Wir Fans stehen hinter dir, Fabi!“ Der Anstand hat also durchaus seine Fürsprecher, nur eben nicht in jeder Kurve. Genau darum ist die Wut von Wollitz mehr wert als die drei geretteten Punkte, die es an diesem Tag ohnehin nicht gab. Ein Trainer, der sein Team gerade ein 0:3 wettmachen sieht, hätte allen Grund gehabt, den Abend im warmen Licht des eigenen Erfolgs zu genießen. Er entschied sich stattdessen, unbequem zu sein – und dabei die eigenen Leute gegen sich aufzubringen. „Das gehört sich nicht“, sagte er über die Pfiffe. Der Satz gilt für die Kurve. Über den Trainer, der ihn ausgesprochen hat, gilt das Gegenteil. Unbedingt lesen: "Gehört sich nicht": Wollitz attackiert eigene Fans