Elf Stunden Befragung plus Einzelzelle: Wie die USA einen WM-Schiedsrichter abfertigen
Omar Artan hatte das richtige Visum und trotzdem keinen Einlass. Sein Fall stellt der FIFA eine Frage, die sie bisher nicht beantwortet.
Eigentlich sollte Omar Artan an diesem Donnerstag, wenn die Fußball-Weltmeisterschaft beginnt, zu den Männern gehören, deren Namen man sich merkt. Afrikas Schiedsrichter des Jahres 2025, 34 Jahre alt, der erste Referee aus Somalia, der je für eine WM nominiert wurde. Stattdessen kennt man seinen Namen jetzt aus einem Interview mit der New York Times, in dem er beschreibt, wie aus dem größten Traum seines Lebens elf Stunden Befragung am Flughafen von Miami wurden. Anschließend, sagt Artan, habe man ihn in eine Einzelzelle gebracht und dort mehrere weitere Stunden festgehalten. Am Ende stand kein Spielbericht, den ein Schiri auszufüllen hat, sondern ein Rückflugticket nach Istanbul.
Was Artan der Zeitung erzählt, ist in seiner Nüchternheit das Bemerkenswerteste an diesem Vorgang. „Ich hatte die richtigen Unterlagen und alles. Ich hatte das richtige Visum", sagt er. Einen Grund für die Einreiseverweigerung habe ihm niemand genannt. Seine eigene Erklärung formuliert er vorsichtig, fast zurückhaltend: „Ich glaube, dass sie ein Problem mit meinem Land haben." Es ist der Satz eines Mannes, der weiß, dass er nichts beweisen kann, und der trotzdem den Eindruck nicht loswird, dass seine Papiere in Miami am Ende weniger zählten als sein Pass.
Die US-Grenzbehörde CBP begründet den Vorgang mit „Bedenken bei der Sicherheitsprüfung". Das ist die Formel, mit der sich solche Entscheidungen seit Jahren verwalten lassen, und sie hat den Vorteil, dass sie nichts erklärt und sich nicht widerlegen lässt. Hinzu kommt der Kontext, den Artan selbst nicht ausspricht, der aber zur Sache gehört: Somalia steht auf jener Einreiseverbotsliste, die Präsident Donald Trump eingeführt hat. Ein Schiedsrichter, der ein Visum in der Hand hält, trifft am Schalter auf eine Politik, die mit Visa nur bedingt zu tun hat.
„Ich bin sehr, sehr enttäuscht", sagt Artan. „Ich bin einfach nur ein Schiedsrichter, der versucht, seinen Traum zu leben." Man kann diesen Satz lesen, ohne sofort über Symbolik nachzudenken. Es ist die Schilderung eines Berufstätigen, der seinen Arbeitsplatz nicht erreicht, weil er aus dem falschen Land kommt. Dass dieser Arbeitsplatz in diesem Fall die Weltmeisterschaft ist, macht den Fall öffentlich; es macht ihn nicht einzigartig.
Für die FIFA ist der Vorgang unangenehm, weil er eine Frage stellt, die sich mit Akkreditierungslisten und Pressekonferenzen schlecht beantworten lässt. Ein Co-Gastgeber, in dem nicht jeder einreisen darf, den der Weltverband nominiert, ist kein logistisches Problem, sondern ein politisches. Wer Artans Aussagen ernst nimmt, kommt an der Frage nicht vorbei, wie viele Spielräume die FIFA gegenüber den US-Behörden tatsächlich hat – und welche sie zu nutzen bereit ist. Bisher ist davon wenig zu sehen.
Bleibt der Mann selbst. Artan hätte am Donnerstag oder in den Wochen danach irgendwo auf einem Rasen stehen können, mit Pfeife, Karten und der Aufmerksamkeit, die man als erster Somalier bei einer WM bekommt. Stattdessen sitzt er in Istanbul und erzählt einer amerikanischen Zeitung, was ihm in einem amerikanischen Flughafen widerfahren ist. Den größten Traum seines Lebens, sagt er, habe er sich anders vorgestellt. Das ist, anders als die Begründung der CBP, ein Satz, der für sich selbst spricht.