Einigkeit und Recht und Özil
Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel über die neue ZDF-Doku, die sich mit dem Weltmeister von 2014 auseinandersetzt – es gibt eigentlich nur Verlierer
Diese Woche habe ich die neue ZDF-Doku „Mesut Özil – zu Gast bei Freunden“ gesehen und bin dabei ganz schön erschrocken. Über mich. Über uns. Über Özil.
Der Umgang Deutschlands mit dem Weltmeister von 2014 ist schlecht gealtert. Das wird in dem zweieinhalbstündigen Film schnell klar. Teilweise wirkt es, als spiele die Handlung nicht mitten in Deutschland, sondern auf einer einzigen großen AfD-Jahreshauptversammlung.
Es gab einiges, das man anders hätte machen können, worüber man anders hätte denken müssen. Das gilt für alle Beteiligten. Und genau das ist das Traurige: Heute ist für viele nur Özil der Bösewicht.
Das Besondere an der sehr guten Doku: Sie erklärt mir nicht, auf welcher Seite ich zu stehen habe. Sie lässt Menschen sprechen, zeigt Bilder von damals – und das funktioniert. Am Ende steht ein Gedanke: Wir alle haben Fehler gemacht. Auch ich. Auch ich habe zu jener Zeit irgendwann gedacht: „Jetzt sing’ sie halt endlich, die Hymne, Mensch!“
Die Doku zeichnet nach, wie ein ganzes Land plötzlich kein anderes Thema mehr zu haben schien als die hymnensynchrone Lippenbewegung eines Fußballers. Vielen – etwa Mario Basler, dessen Auftritte heute schwer zu ertragen sind – war deshalb die Frage, wie „deutsch“ Özil ist, wichtiger als dessen Leistung auf dem Platz.
Einigkeit und Recht und Mesut Özil.
Die Doku spart nichts aus. Sie zeigt, dass Özils jugendliches Talent anfangs nicht einmal für Schalke 04 reichte; wie er bei Bundesligaklubs vorspielte – und ihm doch immer ein „Stefan“ oder „Jürgen“ vorgezogen wurde. Später zwangsintegrierte er sich mit brillanten Leistungen. Und am Ende wurde Özil selbst desintegriert.

Es geht darum, wie schwer sich viele Deutsche tun, Leute wie Klose, Podolski, Boateng oder Özil ohne Vorbehalt als „echte Deutsche“ zu akzeptieren. Im besten Fall ist man Stargast in Deutschland – und wird schnell ausgeladen, wenn es unbequem wird.
Özil zu Gast bei Freunden. Der Doku-Titel sitzt.
„Özil gehört nicht zu Deutschland...“ Ein Satz vom Rechtsaußen-Journalisten Claus Strunz, in der Doku taucht er öfters auf. Aber wurde Özil nicht in Deutschland geboren? Er hat einen deutschen Pass. Sein Vater lebt hier, seit Mesut zwei Jahre alt ist - sein Sohn spielte für die Nationalmannschaft, er wurde Weltmeister. Bundeskanzlerin Angela Merkel kam in die Kabine, um Mesut die Hand zu schütteln.
Da fragt man sich im Nachhinein: Wer gehörte hier eher zu Deutschland – ein Özil oder ein Strunz?
Es hätte eine märchenhafte Geschichte bleiben können. Doch dann kam 2018 dieses Foto von Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Eine dumme, folgenreiche Entscheidung. Und plötzlich drehte Deutschland komplett durch.
In der Doku sieht man auch andere Bilder. Lothar Matthäus sitzt 2018 bei Wladimir Putin und lobt ihn überschwänglich. Matthäus spielt auf Einladung von Ramsan Kadyrow, dem Präsidenten Tschetscheniens, gutgelaunt mit ihm Fußball. Kadyrow werden, zurückhaltend formuliert, Folter und Gewalt vorgeworfen.
Lothar zu Gast bei Diktatoren.
Der Aufschrei? Kaum zu hören. Die Folgen? Keine. Der Weltmeister von 1990 hat halt das Glück, ein „Ä“ im Namen zu haben – und kein „Ö“.
Während der Doku habe ich mich zwei Dinge gefragt: Was wäre aus einem Özil geworden, der nicht kicken kann? Und: Wie wäre mein eigener Weg verlaufen, wenn ich nicht „Steudel“ heißen, sondern den griechischen Namen meiner Mutter tragen würde?
Was ist da eigentlich mit Deutschland passiert?
Vieles. Zu vieles. Die „Deutschen“ haben Fehler gemacht. Die „Özils“ auch. Heute sympathisiert Mesut mit Rechtsextremen in der Türkei. Es ist schlimm. Aber wie groß ist unser Anteil daran?
Özils Berater Erkut Söğüt sagt in der Doku, Kritik sei damals fließend in Rassismus übergegangen. Wenn man die Doku heute sieht, muss man feststellen: Falsch liegt er nicht.
Und doch bleibt auch die andere Seite: Özil selbst hat sich verrannt. Wie kann man so stur sein? Und warum konnten wir so stur sein?
Geblieben ist noch eines, zumindest bei mir: Scham. Scham über die Aussagen von Leuten wie Basler und Strunz. Über geifernde AfD-Politiker. Über den damaligen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel, der Özil ins offene Messer laufen ließ.
Aber Grindel hatte ja schon 2004 im Bundestag gesagt: „Multikulti ist in Wahrheit Kuddelmuddel.“ 2019 musste er zurücktreten – nicht wegen eines Fotos, sondern wegen einer Luxusuhr und nicht angegebenen Nebeneinnahmen.
Was man halt so macht als echter Deutscher?
„In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Migrant, wenn wir verlieren," schrieb Özil zu seinem Rücktritt 2018. Da ist was dran.
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