Ein Mönchengladbacher in Leipzig: Rocco Reitz jubelt nicht – und die Kurve pfeift trotzdem
Wie ein 24-Jähriger über den Umgang mit einem Pfeifkonzert erzwingt, ohne ein böses Wort zu sagen.
In der 66. Minute schiebt Rocco Reitz den Ball nach Vorlage von Christopher Nkunku durch die Beine von Gladbachs Torwart Moritz Nicolas, es ist das 3:0 für RB Leipzig gegen Borussia Mönchengladbach – und dann passiert: nichts. Keine Faust, kein Lauf zur Eckfahne, kein Blick zur Kurve. Ein Tor wie ein Streich, ein Jubel wie ein Kondolenzschreiben.
Dieser Verzicht ist die anständigste Geste des ersten Bundesliga-Spieltags, und er wird genau deshalb nichts nützen. Wer im Sommer nach 17 Jahren geht, hat in den Augen vieler Fans das Recht verwirkt, überhaupt noch Gefühle zu haben – ob er sie zeigt oder unterdrückt.
Reitz erklärt es selbst, nüchtern: „Das gehört sich so, wenn man gegen seinen alten Arbeitgeber spielt, für mich dann auch gegen meinen Heimatverein. Da habe ich so viele Jahre verbracht, viele Freunde gewonnen. Da ist immer noch sehr viel Respekt von meiner Seite“, sagte er der ARD-Sportschau. Kein Pathos, keine Larmoyanz, keine Botschaft an die eigene Kurve. Ein Satz, der eine Grenze zieht zwischen Arbeitsplatz und Herkunft – und beide gelten lässt.
Denn Reitz ist nicht irgendein Profi, der drei Jahre am Niederrhein Geld verdient hat. Er ist seit seiner Geburt Borussia-Mitglied. 17 Jahre Verein, dann 20 Millionen Euro Ablöse, dann das erste Ligaspiel im neuen Trikot ausgerechnet gegen die alte Adresse. Der Spielplan kann grausam sein, aber selten so exakt.
Wer Gladbach verlässt und für 20 Millionen ausgerechnet nach Leipzig geht, kann sich über den Empfang schwer wundern. Die Pfiffe waren angekündigt, die Sprechchöre teilweise beleidigend, und wer die Rechnung aufmacht, kommt schnell zu dem Schluss: Ein ausbleibender Torjubel kostet nichts, ein Wechsel zu RB bringt alles. Die Geste als billige Beruhigungspille für eine Kurve, die man selbst enttäuscht hat.
Nur macht diese Rechnung aus einem 24-Jährigen einen Verräter, weil er einen Vertrag erfüllt und dann einen neuen unterschreibt. Reitz hat Gladbach kein Geld gekostet, er hat dem Klub 20 Millionen Euro eingebracht – die Summe, die zwischen Zugehörigkeit und Geschäft liegt und die im Fußball beides gleichzeitig ist. Man kann einen Wechsel bedauern. Man kann ihn nicht zum moralischen Vergehen erklären und im selben Atemzug den Erlös verbuchen.
Dass Reitz überhaupt in der Startelf stand, hat er selbst nicht erwartet. Ein schwerer Infekt hatte ihn lange beschäftigt, erst kurz vor dem Spieltag war er wieder fit. „Das war eine Punktlandung. Es war sehr anstrengend. Aber der Körper hat gehalten“, sagte er. Ein Spieler, der sich zurückgekämpft hat, trifft im ersten Einsatz – und muss dabei aufpassen, dass er nicht zu glücklich aussieht.
Seine Antwort auf die Sprechchöre ist die zweite bemerkenswerte Leistung dieses Nachmittags: „Ich habe da ein sehr dickes Fell. Jeder hat ein Recht auf seine Meinung, ich kann es sowieso nicht ändern“, sagte er bei DAZN. Kein Gegenangriff, keine Belehrung, keine Opferpose. Wer 17 Jahre in einem Klub war, weiß offenbar, wie dessen Kurve funktioniert.
Der Nicht-Jubel ist deshalb kein Rückzug, sondern eine Zumutung an die Tribüne: Er zwingt die Beleidiger, sich zu ihrem eigenen Ton zu verhalten. Ein Spieler nimmt Rücksicht auf Menschen, die ihm keine entgegenbringen, und macht mit gesenkten Armen sichtbar, wer hier die Form wahrt.
Zwischen der 66. Minute und dem Abpfiff hat sich an diesem Tag nur eine Seite blamiert – und die stand nicht auf dem Rasen.
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