Ehrendoktor Neukirchner: Fußball ist mehr als das 1:0

Die Uni Wuppertal ehrt den Chef des Deutschen Fußballmuseums in Dortmund, auch Günter Netzer gab ihm die Ehre. Im Interview erklärt er, was die WM-Titel über Deutschland erzählen.

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Manuel Neukirchner mit der Ehrenpromotionsurkunde, neben ihm Günter Netzer
Foto: Carsten Kobow

Am Montagabend hat die Bergische Universität Wuppertal Manuel Neukirchner die Ehrendoktorwürde verliehen, den Grad eines Doktors der Philosophie ehrenhalber. Die Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften würdigt damit den Direktor des Deutschen Fußballmuseums in Dortmund für seine Arbeit über den Fußball in Literatur, Kunst und Gesellschaft. Zur Feierstunde auf dem Campus Grifflenberg kamen Günter Netzer, Erwin und Helmut Kremers, Klaus Fischer und Toni Schumacher, dazu der Schauspieler Peter Lohmeyer.

Dass eine geisteswissenschaftliche Fakultät ausgerechnet den Fußball ehrt, ist ja keine Selbstverständlichkeit. Rektorin Birgitta Wolff nannte die Perspektive in ihrer Begrüßung selbst „eine eher ungewöhnliche Herangehensweise, die Manuel Neukirchner sehr glaubwürdig verkörpert“. Angeregt hatte die Auszeichnung der Germanist Matías Martínez, und sein Urteil fällt deutlich aus: „Seine Arbeiten haben die kulturelle Selbstbeschreibung der Fußballnation Deutschland auf ein neues Niveau gehoben und das populäre Phänomen Fußball mit Mitteln der Geistes- und Kulturwissenschaften neu lesbar gemacht.“

Im Zentrum steht das Haus in Dortmund. „Es reduziert Fußball nicht auf sportliche Erfolge, legendäre Spiele und große Persönlichkeiten“, sagt Martínez über das Museum. Migration, nationale Identität, Erinnerungskultur, Diversität und der Umgang mit Antisemitismus haben dort ihren Platz neben der Geschichte des deutschen Fußballs. Netzer kennt das Haus von innen: Das Museum hat ihm 2025 eine eigene Sonderausstellung gewidmet.

Manuel Neukirchners Arbeit reicht über das Museum hinaus. Als Autor und Herausgeber hat er zahlreiche Bücher zur Kulturgeschichte des Fußballs vorgelegt, als Dramatiker das Stück „Die Nacht von Sevilla“ (2022) über das WM-Halbfinale von 1982 gegen Frankreich. Daraus las beim Festakt Peter Lohmeyer, der in der Leseinszenierung alle Rollen spricht. Martínez nennt Neukirchner deshalb einen „Brückenbauer zwischen akademischer Forschung und gesellschaftlicher Öffentlichkeit“.

Vier Männer im Hörsaal der Bergischen Universität, dahinter das Publikum
Manuel Neukirchner (2. v. l.) mit Toni Schumacher, Günter Netzer und Klaus Fischer. Foto: Deutsches Fußballmuseum

"Wer verstehen will, wie Deutschland tickt, kann sich seine Fußballgeschichte ansehen"

Im Interview der Universität spricht Manuel Neukirchner über sein Studium in Wuppertal, den Fußball als Spiegel der Gesellschaft und den Mut zu ungewöhnlichen Wegen.

Sie haben selbst an der Bergischen Universität Wuppertal studiert. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihrer Studienzeit?

Ich habe damals Allgemeine Literaturwissenschaft, Neuere Deutsche Literaturgeschichte und Geschichte studiert. Das war eine ungemein spannende, dichte Lebensphase. Vor allem in den literaturwissenschaftlichen Seminaren habe ich mir ein wichtiges Fundament gelegt, ich habe mich mit Erzählstrukturen auseinandergesetzt. Zu ergründen, wie fiktionale Stories funktionieren, wie Spannung erzeugt werden kann, wie Figuren entstehen – das alles fasziniert mich, und im Studium habe ich sehr viel darüber erfahren. Egal, ob ich als Fußballreporter im Radio live kommentiert habe, als Printjournalist Essays oder Features geschrieben habe, als Redenschreiber Sprech-Texte gebaut oder heute Bücher oder Ausstellungen schreibe und kuratiere – das Studium hat mir wichtiges Rüstzeug mitgegeben. Ich würde es als eine universelle Ausbildung bezeichnen.

Genauso wichtig ist für mich im Rückblick aber auch das Lebensgefühl damals. Es war eine herrlich ungezwungene Zeit – genau so, wie eine Studienzeit im besten Fall sein sollte. Ich hatte Raum, mich auszuprobieren, den Horizont zu erweitern und einfach mal links und rechts des Weges zu schauen. Das alles verbinde ich mit meinen Jahren in Wuppertal.

Was aus Ihrem Studium hilft Ihnen heute noch in Ihrer Arbeit als Direktor des Deutschen Fußballmuseums?

Als Geisteswissenschaftler, der nicht auf Lehramt studiert, wird man ja immer gefragt: „Und was macht man später damit?“ Heute kann ich darauf antworten: verdammt viel! Ein geisteswissenschaftliches Studium bietet dir immer einen universellen Ansatz, der den Blick weit macht und völlig neue Perspektiven öffnet. Davon profitiere ich im Grunde genommen heute noch.

Wenn wir eine neue Ausstellung konzipieren, geht es nie darum, ein paar Exponate in eine Vitrine zu legen. Wir erschließen Querverbindungen, wir wollen komplexe kulturhistorische und gesellschaftliche Zusammenhänge in einem hochspannenden und immer ästhetisch anspruchsvollen Gesamtkonzept vermitteln. Das Große und Ganze nicht aus den Augen zu verlieren und dennoch überraschende, neue und bestenfalls so noch nicht bekannte Details freizulegen – darauf kommt es an. Und so funktioniert auch im weiten Sinne die Kulturwissenschaft.

Was hat Sie an der Aufgabe gereizt, die Geschichte des Fußballs in einem Museum zu erzählen?

Es gibt nur dieses eine Museum mit einer Dauerausstellung zur deutschen Fußballgeschichte und immer wieder neuen wirkmächtigen Sonderschauen zum Phänomen Fußball. Ja, wir sind ein Unikat. Die Chance zu bekommen, eine solche Institution als Gründungsdirektor mit großartigen interkulturellen Fachleuten zu denken, von Grund auf zu planen, die Ausstellung, die Architektur, sie zu realisieren und heute zu führen – das ist für mich eine zutiefst erfüllende Aufgabe. Das Deutsche Fußballmuseum gibt es jetzt mit seiner Planungs-, Bau- und Betriebsphase 16 Jahre, die mich maximal gefordert haben, eben weil es für dieses Haus keine Blaupause gab und gibt. Das macht das Projekt für mich so außergewöhnlich.

Was mich inhaltlich immer wieder reizt, ist die faszinierende Möglichkeit, eine Brücke zwischen Sport- und Zeitgeschichte zu schlagen. Der Fußball wirkt weit über die Kreidemarkierung des Rasens hinaus und schreibt sich tagtäglich fort. Das ist der große Unterschied zu anderen Museen: Im Deutschen Fußballmuseum betrachten wir nie nur eine abgeschlossene Epoche, sondern vermitteln immer auch das Hier und Jetzt.

Und noch ein dritter Punkt ist mir wichtig, vielleicht sogar am wichtigsten: Mir ging es von Anfang an um die Art und Weise, wie wir die Inhalte im Raum präsentieren. Wir erzeugen zum Teil völlig neue Formate im musealen Raum, die der veränderten Wahrnehmung der Menschen von heute gerecht werden. Als wir das Fußballmuseum 2015 konzipiert haben, war im Kulturbetrieb von „Szenografie“ und „Immersion“ noch keine Rede. Aber genau dieses wirkmächtige, ganzheitliche Raumerlebnis haben wir damals schon gedacht und geschaffen. Es gehört zu unserem Grundverständnis, dass wir keine verstaubte Aufbewahrungsstätte für nicht mehr gebrauchte Gegenstände sind, sondern uns als hochemotionales, vermittlungsstarkes Ausstellungshaus präsentieren, das begeistert und berührt. Die Symbiose aus historischer Tiefe und avantgardistischer Museumssprache – das ist meine Antriebsfeder!

Was kann ein Fußballmuseum über eine Gesellschaft erzählen, das über Ergebnisse, Titel und Rekorde hinausgeht?

Unser Deutsches Fußballmuseum ist im Grunde ein Museum über den Zustand unseres Landes. Das hat die New York Times bei unserer Eröffnung geschrieben, wir seien ein „Museum über Fußball – und über Deutschland“. Das trifft es im Kern: Die deutsche Fußballgeschichte ist untrennbar mit unserer Nationalgeschichte verwoben. An den großen Turnieren und Zäsuren lässt sich die Entwicklung unserer gesamten Gesellschaft ablesen.

Nehmen wir den ersten deutschen WM-Titel von 1954: Das „Wunder von Bern“ war weit mehr als ein sportlicher Triumph gegen die damals scheinbar unbesiegbaren Ungarn. Es war in der kollektiven Wahrnehmung die emotionale Geburtsstunde der jungen Bundesrepublik nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs – ein Moment, in dem die Menschen nach Jahren der Trümmer und Schuld das erste Mal wieder vorsichtig ein Gefühl von Gemeinschaft spüren durften.

Zwanzig Jahre später, bei der WM 1974, spiegelte sich auf dem Rasen die schmerzhafte Realität des Kalten Krieges wider. Das legendäre Vorrundenspiel zwischen der Bundesrepublik und der DDR, das 0:1 durch das Tor von Jürgen Sparwasser, war der sportliche Ausdruck einer tiefen deutsch-deutschen Zerrissenheit.

Als wir dann 1990 in Rom Weltmeister wurden, stand das Turnier im Zeichen der Wiedervereinigung. Die Mauer war bereits gefallen, die formale Einheit stand unmittelbar bevor. Franz Beckenbauers einsamer Spaziergang über den Rasen des Olympiastadions von Rom nach dem Schlusspfiff ist zu einem kollektiven Erinnerungsmoment dieser Zeit geworden.

Das oft zitierte „Sommermärchen“ 2006 wiederum markierte die erste Weltmeisterschaft im vereinten Deutschland. Es hat der Welt – und uns selbst – ein völlig neues, unverkrampftes, offenes und gastfreundliches Deutschland gezeigt. Und als wir schließlich 2014 in Rio den vierten Stern holten, stand auf dem Platz eine Mannschaft, die der perfekte, lebendige Ausdruck unserer modernen Einwanderungsgesellschaft war. Ein Fußballmuseum zeigt also, dass der Ball ein Seismograf für gesellschaftliche Veränderungen ist. Wir erzählen von Identität, von Brüchen, von Integration und vom Wandel der Werte. Wer verstehen will, wie Deutschland tickt, kann sich seine Fußballgeschichte ansehen.

Was bedeutet die Ehrendoktorwürde durch die Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften für Sie persönlich?

Sie erfüllt mich mit großer Dankbarkeit! Sie ist eine große Anerkennung und Würdigung meiner Arbeit. Sie macht zudem deutlich, dass Fußball längst nicht mehr nur am 1:0 gemessen wird. Und genau das wollte und will ich mit meiner Arbeit bewirken – den Fußball als Teil des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens darzustellen.

Manuel Neukirchner mit der Urkunde, daneben Günter Netzer, Birgitta Wolff und Ursula Kocher
Günter Netzer, Rektorin Birgitta Wolff, Dekanin Ursula Kocher und Manuel Neukirchner (v. l.). Foto: Deutsches Fußballmuseum

Die Ehrenpromotion beinhaltet für mich aber natürlich auch eine wunderbare persönliche Komponente. Als ehemaliger Student der Bergischen Universität schließt sich für mich der Kreis. Als ich die Urkunde von der Rektorin entgegengenommen habe, musste ich an zwei herausragende, leider schon verstorbene Professoren dieser Universität denken: Dietrich Weber und Jürgen Born. Beide waren prägende Gründungsväter der Allgemeinen Literaturwissenschaft in Wuppertal, beide durfte ich erleben. Dietrich Weber hat mit seinen Arbeiten zur Erzählforschung ganz neue Ansätze vertreten, die der bisherigen allgemeingültigen Erzähltheorie, die den Autor als Person im fiktionalen Text als Erzählermedium ausschließt, geradezu getrotzt hat. Das war spannend! Und Jürgen Born hat als international renommierter Kafka-Forscher Bleibendes für die Literaturwissenschaft geleistet. Seine Verdienste bei der historisch-kritischen Kafka-Ausgabe, die Gründung der Forschungsstelle für Prager deutsche Literatur und sein Verdienst, Kafkas private Bibliothek nach Wuppertal zu holen, bedeuten für die Bergische Universität Meilensteine. Ich bin dankbar, dass ich beide in meiner Studienzeit erleben und kennenlernen durfte!

Welchen Rat würden Sie heutigen Studierenden geben, die noch nicht wissen, wohin ihr beruflicher Weg führt?

Mein wichtigster Rat lautet: Habt keine Angst vor dem vermeintlich unklaren Weg. Ein Studium – und ganz besonders ein geisteswissenschaftliches – ist keine starre Berufsausbildung, bei der am Ende nur eine einzige Jobbezeichnung herauskommen kann. Nutzt die Studienzeit nicht als reine Jagd nach Credit Points, sondern als intellektuellen Abenteuerspielplatz. Probiert euch aus, schaut links und rechts des Wegesrandes und vertraut darauf, dass sich die Puzzleteile eurer Biografie irgendwann zusammenfügen werden. Geht mit Neugier durch eure Lehrjahre, sucht euch die Themen aus, die eure Leidenschaft entfachen, und nicht nur die, die gut im Lebenslauf aussehen. Wer lernt, strukturiert an Probleme heranzugehen, kritisch zu hinterfragen und sich für eine Sache zu begeistern, der bringt genau die Schlüsselqualifikationen mit, die in unserer dynamischen Arbeitswelt überall gesucht werden. Vertraut auf eure Fähigkeiten, behaltet die nötige Gelassenheit – und lasst euch vom Leben auch ein Stück weit überraschen.


Zur Person

Manuel Neukirchner, Jahrgang 1967, studierte an der Bergischen Universität Wuppertal Allgemeine Literaturwissenschaft, Neuere Deutsche Literaturgeschichte und Geschichte. Nach dem Magisterexamen arbeitete er als Print- und Hörfunkjournalist. Von 2009 bis 2015 verantwortete er als Gründungsdirektor die bauliche, szenografische und inhaltliche Realisierung des Deutschen Fußballmuseums in Dortmund. Seit 2015 leitet er das Haus.