Diese WM hat 270 Songs - und die meisten davon sind nicht echt
Eine KI-Hymne erobert Frankreich, während die FIFA ihren Song lizenziert. Was "offiziell" heißt, entscheidet bald nur noch der Algorithmus.
Drei Tage vor dem Anpfiff der WM in den USA, Mexiko und Kanada lässt sich auf den Streamingplattformen ein eigenartiges Phänomen beobachten. Der Streamingdienst Deezer hat am Montag mitgeteilt, dass dort mehr als 270 Songs mit dem Titel "World Cup 2026" zu finden sind. Über 70 Prozent davon hat der Dienst als KI-generiert erkannt und entsprechend gekennzeichnet. Die offiziellen Veröffentlichungen werden zahlenmäßig also längst überlagert von einer Flut maschinell erzeugter Tracks, die im Windschatten des Turniers in die Kataloge gespült werden.
Offiziell heißt der Song zur WM "Dai Dai", gesungen von Shakira. In Deutschland sollen "Heute Nacht" von Helene Fischer und "Kurz für immer" von Wincent Weiss das Turnier musikalisch begleiten. Das ist die etablierte Ordnung: Ein Weltverband, ein paar große Namen, ein paar Songs, die im Stadion, in den Werbepausen und in den Eröffnungssequenzen laufen sollen. Daneben hat sich seit Jahresbeginn eine zweite Schicht gebildet, die mit dem offiziellen Apparat nichts zu tun hat und ihn trotzdem berührt.
Das prominenteste Beispiel kommt aus Frankreich. "Imbattables", eine inoffizielle Hymne des KI-Musikers Crystalo, ist in den sozialen Netzwerken und auf Streamingplattformen viral gegangen und hat Millionen Aufrufe gesammelt. Eine Software-Stimme, ein Refrain, ein Nationalgefühl – und ein Reichweitenwert, von dem manche Künstler mit Plattenvertrag nur träumen. Die Frage, wer hier eigentlich was offiziell macht, beantwortet sich auf TikTok anders als auf der Bühne der FIFA.
Aurélien Hérault, Chief Innovation Officer bei Deezer, ordnet das Phänomen nüchtern ein. "Es war noch nie so einfach, Musik zu erstellen und auf Streamingplattformen hochzuladen. Daher überrascht es nicht, dass ein globales Sportereignis wie die Weltmeisterschaft viele dazu verleitet", sagt er. Gleichzeitig betont er, KI-generierte Musik werde auf Deezer gekennzeichnet und aus algorithmischen Empfehlungen ausgeschlossen. Die Wahrscheinlichkeit, dass solche Songs nennenswerte Streams erzielen, sei daher "äußerst gering".
Diese zweite Aussage ist die interessantere. Sie verschiebt das Problem vom Künstler zum Kurator. Nicht mehr der Urheber entscheidet, ob ein Song eine Chance auf Reichweite bekommt, sondern der Algorithmus, der ihn entweder vorschlägt oder eben nicht. Die Schleuse ist nach hinten gewandert, vom Studio in die Plattform, und die Plattform hat sich entschieden, KI-Tracks hinter einer Sperre zu parken.
Was bleibt, ist eine ungemütliche Frage für die Vermarkter eines solchen Turniers. Wenn 270 Songs den gleichen Titel tragen, ist der "offizielle" Status nur noch eine Lizenzangelegenheit, kein kulturelles Faktum. Der offizielle Song ist der, den die FIFA bezahlt hat, nicht zwingend der, den die Leute hören. "Imbattables" zeigt, dass ein KI-Track an den klassischen Vermarktungswegen vorbei ein ganzes Land erreichen kann, ohne je auf einer offiziellen Setlist zu stehen.
Damit verschiebt sich auch der Begriff von Authentizität. Bisher war eine WM-Hymne so etwas wie ein gemeinsames Erkennungsmotiv, ausgehandelt zwischen Verband, Künstler und Publikum. Jetzt steht daneben ein zweiter Markt, in dem niemand etwas aushandelt und in dem die Stimme aus dem Lautsprecher nie existiert hat. Deezer hat darauf eine technische Antwort gefunden. Eine kulturelle ist das noch nicht.