Die WM als Labor: Wenn aus Regeln eine Speisekarte wird
Was die FIFA optional stellt, dürfen die Verbände selbst wählen. Am Ende hängt der Fußball davon ab, welchen Wettbewerb man einschaltet.
Die WM ist immer auch ein Labor. In Stadien mit Millionenpublikum probiert die FIFA aus, was der Fußball vertragen soll: die Rote Karte für die Hand vor dem Mund im Streit, die Kontrolle der Eckbälle durch den VAR, eine neue Auslegung von Zweikämpfen beim Schutz der Torhüter, Trinkpausen, die Neuregelung der Spielerverwechslung. Klingt nach Aufbruch. Der entscheidende Satz aber kommt von Schiedsrichter-Lehrwart Lutz Wagner, und er dämpft die Erwartung: "Nicht alles davon werden wir im Alltag sehen." Denn die FIFA hat einen Großteil dieser Dinge beim Video-Assistenten im optionalen Bereich belassen. Und optional heißt: Jeder Verband darf selbst wählen.
Genau hier beginnt das Problem. Wenn DFB und UEFA am Ende der WM je für sich entscheiden, was sie übernehmen und was nicht, entsteht kein einheitliches Regelwerk, sondern eine Speisekarte. Wagner selbst erwartet bei der Spielerverwechslung keine vollständige Umsetzung im Ligabetrieb; er könne sich vorstellen, dass die UEFA bei der Ursprungsidee bleibt und die Verwechslung nur auf die Spieler bezieht, nicht wie bei der WM auf das Vergehen. Der DFB, sagt er, würde das dann übernehmen. Man merkt: Schon bei einer einzigen Regel driften die Auslegungen auseinander, bevor sie überhaupt im Alltag angekommen sind.
Für den Zuschauer ist das keine Kleinigkeit. Wer im Sommer bei der WM ein bestimmtes Vergehen nach der Spielerverwechslung neu bewertet sieht – wie im Fall des Schweizers Breel Embolo –, erlebt im Herbst in seiner Liga womöglich eine andere Handhabung. Der Fußball, den man sieht, hängt dann davon ab, welchen Wettbewerb man gerade einschaltet. Darin liegt die Gefahr der optionalen Auslegung. Und sie widerspricht dem, was das Spiel groß gemacht hat – seiner Verständlichkeit.
Wagner benennt das mit einer Klarheit, die man von den Regelhütern selbst öfter hören sollte. Der Fußball, sagt er, müsse für den Fan verständlich sein. Wer an der Basis spielt, müsse wissen, dass er denselben Fußball spielt wie in der Bundesliga oder bei der WM. Man müsse die Änderungen und Abweichungen so gering wie möglich halten. Das ist keine Nostalgie, sondern die eigentliche Legitimation eines Weltsports: Er funktioniert nur, solange die Regel überall dieselbe ist.
Am deutlichsten wird die Schieflage bei den Regeln gegen das Zeitspiel. Bei Einwürfen und Auswechslungen habe es "wirklich gefruchtet", lobt Wagner – bei der WM. Der Satz danach ist der wichtige: Im Anschluss müsse es bis an die Basis umgesetzt werden, "doch was soll der Schiedsrichter in der Kreisliga noch alles tun?" Eine große Gefahr sei das. Was in einem WM-Stadion mit vollem Apparat gelingt, überfordert den einzelnen Unparteiischen auf dem Dorfplatz. Eine Regel, die nur oben trägt, ist keine Regel für alle.
Nicht jede WM-Neuerung verdient Kritik. Beim Schutz der Torhüter etwa hat Wagner recht: Ein reines Hochspringen, ein reines Berühren dürfe nicht zu einer Sonderregelung führen, sonst fehle dem Schiedsrichter die Grundlage. Die Trinkpausen wiederum sollen flexibel bleiben, abhängig vom Wetter – vernünftig. Doch das Grundproblem bleibt: Solange die FIFA die Entscheidung an die Verbände weiterreicht, riskiert sie eine Zwei-Klassen-Auslegung des Spiels. Der DFB wird das nach der WM umgehend festlegen. Man darf hoffen, dass er dabei an den Fan denkt und nicht an den Katalog.
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