Die Fans glauben nicht mehr an ihr eigenes Pokal-Märchen
Sie nennen die Offenheit des Wettbewerbs als größten Reiz – und tippen im selben Fragebogen fast alle auf denselben Sieger.
„Im Pokal ist alles möglich." Diesen Satz nennen 73,5 Prozent der Bundesligafans, wenn das Umfrageportal bundesligabarometer.de sie fragt, was sie am DFB-Pokal fasziniert – häufiger als das K.-o.-System, häufiger als David gegen Goliath. Er soll wohl heißen: Hier zählt die Tabelle mal nichts. Nur glauben sie ihn selbst nicht mehr. Dieselben 6.398 Befragten nennen im selben Fragebogen zu 89,5 Prozent den FC Bayern als Top-Favoriten auf den Pokalsieg.
Das ist erst mal kein Vorwurf. Der FC Bayern hat am 23. Mai in Berlin 3:0 gegen den VfB Stuttgart gewonnen und damit das Double geholt, den ersten Pokalsieg seit 2020: Wen soll man da sonst nennen? Einen Favoriten zu benennen ist ja keine Untreue am Wettbewerb, sondern Realismus. In der ersten Runde ab diesem Freitag spielt Bayern nicht einmal mit – wegen des Supercups steigt der Double-Sieger erst am 2. September gegen Zweitliga-Aufsteiger VfL Osnabrück ein.
Nur bleibt es nicht bei dem einen Kreuz. 81,1 Prozent tippen auch für den Franz-Beckenbauer-Supercup an diesem Samstag in Dortmund auf Bayern. 54,3 Prozent trauen dem Klub in dieser Saison mindestens drei Titel zu, 16 Prozent sogar alle vier. Das ist kein Favoritentipp mehr, das ist eine Kapitulation vor dem Zufall. Die Fans glauben nicht mehr an ihr eigenes Pokal-Märchen, wenn sie so abstimmen.
Was die Ernüchterung mit dem Wettbewerb macht, steht in derselben Erhebung, und es ist kein Absturz. Der Anteil derer, denen der Pokal „sehr groß" ist, fällt binnen eines Jahres von 27,1 auf 24,2 Prozent. „Groß" steigt im Gegenzug von 43,8 auf 46,6. Zusammen ergibt das 70,8 Prozent, im Vorjahr waren es 71,0. Niemand wendet sich ab, die Leidenschaft rutscht nur eine Stufe tiefer: von der Liebe in die Zuneigung.
Und dann steht in derselben Umfrage eine Bitte. 73,4 Prozent wollen, dass klassentiefere Vereine generell das Heimrecht bekommen – nicht nur die Amateure, nicht nur in Runde eins. Heute endet dieser Schutz früh: Vom zweiten Durchgang an bekommt automatisch nur noch Heimrecht, wer unterhalb der 2. Bundesliga spielt. Ein Zweitligist, der Bayern zieht, wird frei gelost und muss womöglich nach München fahren.
Drei von vier Fans bestellen die Überraschung also per Regel. Sie wollen, dass der Modus herstellt, was der Zufall ihrer Erfahrung nach nicht mehr hergibt: das kleine Stadion, den holprigen Rasen, die Nähe der Ränge. Dann gilt auch wieder der alte Satz: Der Pokal hat seine eigenen Gesetze.