DFB muss muss lauter werden und Klopp von Zidane lernen

Infantino dreht frei, die Politik stellt das Engagement für den Sport ein. Doch der DFB schweigt, obwohl die Basis ihn braucht, erläutert Gerd Thomas.

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DFB muss muss lauter werden und Klopp von Zidane lernen
Meister 2006: Fünf von acht haben einen familiären Zuwanderungshintergrund, einer wurde sogar Jugendnationalspieler. Foto: Gerd Thomas

„Fühlen Sie sich von der Politik gehört?“ lautete die Überschrift einer Internet-Umfrage. 80 Prozent stimmten mit „Nein“ und nur 6 Prozent mit „Ja“. Andere Erhebungen machen klar, dass nur die wenigsten Menschen glauben, sie könnten Einfluss nehmen oder würden von der Politik wertgeschätzt. Nun sind Umfragen keine Wahlen, und wahrscheinlich antworten eher die chronisch Unzufriedenen. Aber wäre es beim Fußball eigentlich anders?

Die kurze Antwort: Eher nicht. Die etwas längere: Es kommt darauf an, wen man fragt – und was man mit den Antworten macht.

Langzeitstudie mit spannenden Ergebnissen

Prof. Jana Wiske von der Hochschule Ansbach und mein Hartplatzhelden-Kollege Tim Frohwein haben in den Jahren 2023 bis 2025 mehrere „Stakeholder“ aus dem Fußballbereich befragt. Ergebnis ihrer Studie „Wir sind Fußball“: Der DFB wurde von fast zwei Dritteln vor allem als „Interessenvertretung des Leistungsfußballs“ wahrgenommen.

Bei den Handlungsempfehlungen liegt die „gelebte Nähe zu den Amateurvertretern“ mit 60 Prozent an der Spitze – gefolgt von „offenere Fehlerkultur“ des DFB (58 Prozent) und „konsequentem Handeln im Sinne des eigenen Leitbilds“ (53 Prozent). Alle drei Empfehlungen waren von 2023 bis 2025 durchweg in den TOP 3.

Die Zahlen mögen nicht erstaunen. Aber sieht man sich einmal an, wer da befragt wurde, sind sie schon interessant. Darunter waren zwar auch Amateurvertreter wie Michael Franke oder ich selbst, aber auch Prominente aus dem Fußball wie Thomas Hitzlsperger, Almuth Schult, Patrick Ittrich, Claudia Neumann, Julian Draxler, Marco Bode oder Deniz Aytekin, ebenso Leute aus Journalismus und Verbänden.

Die Frage, wie die Ergebnisse heute ausfallen würden, ist hypothetisch. Zumal es sich anböte, nach dem Wechsel des Bundestrainers erst einmal einige Monate zu warten. Dennoch kann man auch nach der denkwürdigen Pressekonferenz von Jürgen Klopp und den Nebendarstellern von einer Sache ausgehen: An der Basis in den Kreis- und Bezirksligen ist wenig Nähe zum DFB oder den Landesverbänden zu spüren, auch wenn sich fast alle mehr Erfolg der Nationalelf wünschen. Die meisten Funktionäre scheinen allerdings längst nicht mehr das Verständnis zu haben, sie wären die Lobbyisten des Breitenfußballs.

Politik und FIFA vergessen den Sport – der DFB schweigt

Ein Beispiel: Der Bundeskanzler versetzt die anerkannte Staatsministerin für Ehrenamt und Sport, fährt ohne eine Nachfolgeregelung einfach in den Urlaub. Aufschrei aus dem DFB? Fehlanzeige. Man fragt sich, was empörender ist: Die Ignoranz der Bundesregierung gegenüber dem Sport oder der fehlende Protest aus dem DFB.

Man hat den Eindruck, auf dem Frankfurter Campus wird nicht einmal ein Zusammenhang zwischen fehlendem Engagement für den Sport in der Politik und dem zunehmend abflauenden Interesse der Vereine, sich in die Verbandsarbeit einzumischen, hergestellt. Vielleicht ist es vielen Sportfunktionären genau so recht. Zu viele Ambitionen machen ja auch viel Arbeit.

Warum nicht einfach mal dieses Rechenbeispiel: Die FIFA sitzt auf rund 5,5 Milliarden Euro. Teilt man das durch die 211 Mitgliedsverbände, kommen pro Verband rund 25 Millionen raus. Nun wäre es unsinnig, Montserrat (4.400 Einwohner) oder Gibraltar (32.600) die gleiche Summe wie Spanien, Argentinien oder Deutschland auszuzahlen. Der DFB ist der größte Fußballverband der Welt, würde also unter halbwegs angemessenen Umständen deutlich mehr als das Doppelte bekommen. Damit ließe sich einiges anstellen, um den Breitenfußball zu fördern, was am Ende auch Jürgen Klopp zugutekäme. Denn gute Arbeit an der Basis des Kinder- und Jugendfußballs sorgt nicht zuletzt für gut ausgebildete Spitzenspieler.

Gerade im Bereich der Qualifizierung wären viele Maßnahmen sinnvoll.

  • Warum nicht die Grundausbildung von Trainern und Schiedsrichtern gratis anbieten oder über die Qualifizierung von Jugendleitungen nachdenken?
  • Auch im Bereich des Mädchenfußballs wäre eine Offensive dringend nötig.
  • Ebenso ist die Vermittlung von Werten hoch anzusiedeln.
  • Die Aktiven werden in der Breite immer vielfältiger, interkulturelle Kompetenz wichtiger.
  • Gleichzeitig muss der Kampf gegen Rassismus und Diskriminierungen gestärkt werden.
  • Und wie wäre es mit einer breiten Debatte über die Werte des Fußballs?

Der Fußball könnte sich als positiver Entwurf einer funktionierenden vielfältigen Gesellschaft darstellen. Dazu wäre es gut, wenn auch die Verbände diverser aufgestellt wären, was übrigens auch die Befragten der Studie fordern.

Vielleicht gibt es sogar die Möglichkeit, mit dem FIFA-Geld die Anreize für die aktive Mitarbeit in den Verbänden zu steigern. Sicher kann man nicht jedes Engagement mit Geld aufwiegen, aber wenn sich eine 24-jährige Studentin in Berlin, Hamburg oder München engagiert und kein Elternhaus hat, das ihr die Miete zahlt, bleibt ihr nicht einmal die Wahl zwischen Job an der Supermarktkasse oder Ehrenamt. Ihre Lebensumstände entscheiden für sie.

Man könnte bspw. über Stipendien nachdenken, vielleicht auch in Kooperation mit Sporthochschulen - übrigens auch in Sachen Trainerausbildung. Überhaupt sollten alle Interessierten gemeinsam über Zukunftsmodelle für den Fußball nachdenken, andere Länder tun das auch. Ansgar Thiel, Rektor der Sporthochschule Köln, hat in gerade dieser Woche im Hartplatzhelden-Podcast seine Bereitschaft an einer intensiveren Zusammenarbeit mit Verbänden und Politik bekundet.

Denkt Zidane weiter als Klopp?

Interessant ist auch der Vergleich der beiden Trainereinführungen in Deutschland und Frankreich. Während Jürgen Klopp gleich zu Beginn den Medien droht und beim DFB zusammen mit seinem Kumpel und Bierhoff-Buddy Marc Kosicke jeden Stein umdrehen will (was auch als Drohung verstanden werden kann), nennt der große Zinedine Zidane in seiner Pressekonferenz einen anderen Schwerpunkt: den Kampf gegen Rassismus.

Wer das als Sozialgedusel empfindet, könnte sich bald umsehen. Nämlich dann, wenn Frankreich es schafft, seinen vielen Spielern mit Zuwanderungsgeschichte den Rücken zu stärken und noch besser zu werden, während bei uns weiterhin von deutschen Tugenden und Durchbeißen gefaselt wird. Und Integration hier als Forderung an junge Menschen verstanden, Teilhabe aber nicht wirklich gewährt wird.

In Kürze werden mehr als die Hälfte der deutschen Jugendspieler einen Migrationshintergrund haben. Wenn wir verhindern wollen, dass von den Hochbegabten nicht noch mehr für die Länder ihrer Vorfahren spielen, sollte sich Jürgen Klopp genau wie der Weltstar aus Marseille um den Kampf gegen Rassismus kümmern und sich vielleicht einmal dessen Pressekonferenz ansehen. Die Bindung an den deutschen Fußball geht übrigens in den Amateurvereinen los, das als kostenloser Hinweis.

So lange aber gar nicht erst jemand beim DFB auf die Idee kommt, solche inhaltlichen und strukturellen "Ergänzungen" vorzunehmen, wird alles so bleiben, wie es ist – Klopps Motivationskünste hin oder her. Die Zufriedenheitsergebnisse für den DFB und seine Landesverbände werden dann weiterhin so ausfallen, wie am Anfang des Artikels beschrieben.

Ganz ehrlich: Wäre ich Funktionär in einem Verband, würde ich mich damit nicht zufriedengeben.