Der HSV verkauft seinen Fans ein Gefühl und bekommt 16 Millionen Euro ohne Investor

Der Klub sammelt Millionen bei den eigenen Anhängern. Clever? Ja. Aber wo hört Fannähe auf – und beginnt Business?

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Der HSV verkauft seinen Fans ein Gefühl und bekommt 16 Millionen Euro ohne Investor
IMAGO/Philipp Szyza

18.870 Anteile. 887 Euro mindestens pro Stück. Macht rund 16 Millionen Euro, die der Hamburger SV seinen eigenen Mitgliedern ab dem 5. Mai abnehmen will – für ein Stadionprojekt, das aus 57.000 Plätzen irgendwann 60.000 machen soll. Das nennt der Klub "Supporters Trust". Man könnte es auch nennen: eine Kapitalerhöhung, die ohne Investor auskommt, weil die Fans den Investor geben.

Der entscheidende Satz steht nicht im Marketing, sondern im Kleingedruckten. Die Beteiligung erfolgt "an der ausgegliederten Profiabteilung". Also genau in jenem Unternehmensteil, um den seit Jahren die 50+1-Debatte kreist, in dem sonst Finanzinvestoren einsteigen, Private-Equity-Fonds anklopfen, Scheichs unterschreiben. Der HSV löst das Problem eleganter: Er ruft die Menschen an, die ohnehin kommen, ohnehin zahlen, ohnehin glauben. Und verkauft ihnen Anteile an sich selbst.

Das ist legitim – und es ist clever. St. Pauli hat vorgemacht, wie gut dieses Modell funktioniert, wenn man eine Kurve hat, die bereit ist, Herzblut in Kapital zu übersetzen. Aber genau da liegt der Punkt, an dem man kurz stehen bleiben sollte: Wenn aus Fannähe ein Finanzprodukt wird, wechselt die Beziehung den Aggregatzustand. Mitgliedschaft ist freiwillig. Dauerkarte ist freiwillig. Ein Genossenschaftsanteil für 887 Euro, beworben vom eigenen Cheftrainer, den Olympiasiegerinnen im Vorstand und einer Vereinslegende wie Horst Hrubesch – das ist etwas anderes. Das ist sozialer Druck in der Verpackung der Teilhabe.

Merlin Polzin, 35 Jahre, der Mann, der diese Mannschaft in die Bundesliga geführt hat, sagt: "Dass sich viele aus der Mannschaft und dem Staff einbringen, zeigt, wie viel uns der HSV bedeutet." Man glaubt ihm das sofort. Nur: Wenn der Trainer als Zeichner auftritt, ist das kein neutrales Statement mehr, sondern Vertriebsunterstützung. Jeder Fan, der zögert, schaut nicht mehr nur auf seinen Kontostand, sondern auf die moralische Rechnung. Will ich weniger HSV sein als mein Trainer?

Präsident Henrik Köncke spricht davon, das "Stadionerlebnis für alle spürbar zu verbessern". Das ist die schöne Seite. Die andere: 16 Millionen Euro sind eine Summe, die man auf dem Kapitalmarkt nicht einfach so mobilisiert, schon gar nicht ohne Zinsen, Sicherheiten, Einflussrechte. Die Fans bekommen Anteile, ja. Aber die reale Kontrolle über die Profiabteilung bleibt dort, wo sie immer war. Der HSV bekommt frisches Geld. Die Mitglieder bekommen ein Gefühl. Die Bilanz gewinnt – und die Investorenfrage verschwindet elegant vom Tisch, weil sie auf 18.870 schmale Schultern verteilt wurde.

Das ist nicht verwerflich. Das ist nicht St. Pauli zum Vorwurf zu machen, die diesen Weg vorher gegangen sind. Aber es ist ein Vorgang, der den ehrlichen Namen verdient: Fan-Finanzierung einer ausgegliederten Kapitalgesellschaft. Der HSV hat verstanden, dass sein teuerster Vermögenswert nicht die Mannschaft ist, nicht das Stadion, nicht die Tradition – sondern die Bereitschaft seiner Anhänger, für all das zu bezahlen, was andere Klubs Investoren in Rechnung stellen.