Der Fall Bellingham: Tuchel geht volles Risiko
Der Bundestrainer Englands bricht mit der Logik, dass Stars eigene Regeln haben. Was bedeutet das für den Real-Profi vor der WM?
Es gibt Trainer, die ihren Stars eine Sonderstellung einräumen, weil sie glauben, ohne sie nicht gewinnen zu können. Und es gibt Thomas Tuchel. Der englische Nationaltrainer hat in der Woche vor dem Start der WM in den USA, Mexiko und Kanada noch einmal klargestellt, wo Jude Bellingham bei ihm steht: in einer Gruppe von 14, 15 möglichen Startern. Mehr nicht. „Die Rollen können sich jederzeit ändern, aber im Moment gibt es 14, 15 mögliche Starter – und Jude ist einer von ihnen", sagte Tuchel. Wer den Satz übersetzt, hört: Auch der Profi von Real Madrid muss sich in die Schlange einreihen.
Die Zahlen unterfüttern das. Seit Tuchels Amtsantritt im Januar 2025 hat Bellingham nur viermal von Beginn an gespielt, dreimal kam er als Joker. Der eigentliche Gewinner dieser Zeit heißt Morgan Rogers, der Mittelfeldspieler von Aston Villa, der in zwölf von 13 Partien unter Tuchel auf dem Platz stand. Das ist keine Rotation, das ist eine Hierarchie. Und sie steht in scharfem Kontrast zu der Rolle, die Bellingham unter Gareth Southgate hatte: Bei der EM 2024 verpasste der 22-Jährige in sieben Spielen ganze 29 Minuten. Vom unumstrittenen Leistungsträger zum einen unter vielen – das ist der Weg, den Tuchel ihm in einem Jahr verordnet hat.
Es ist ein Führungsstil, der auf Abstand setzt. Tuchel hat seinem Star nicht den roten Teppich ausgerollt, im Gegenteil. Nach der 1:3-Niederlage im Testspiel gegen Senegal im Juni 2025 nannte er Bellinghams Verhalten auf dem Platz „abstoßend". Er entschuldigte sich später, doch das Wort stand in der Welt. Im November kündigte er an, er werde Bellinghams Verhalten nach dessen Auswechslung beim 2:0 in der Qualifikation gegen Albanien „überprüfen". Man muss das nicht für klug halten, um zu erkennen, was es ist: ein bewusster Bruch mit der Vorstellung, dass Stars eigene Regeln haben.
In einem Sport, in dem Trainer reihenweise an der Macht ihrer wichtigsten Spieler scheitern, ist das eine Ansage. Tuchel, der bei Bayern und Dortmund mit eigenen Egos zu tun hatte, scheint sich entschieden zu haben, die Frage der Hierarchie früh zu klären, statt sie später als Konflikt zu erben. Der Preis dafür sind Schlagzeilen über das angespannte Verhältnis zwischen Trainer und Spieler. Der Gewinn, so jedenfalls die Logik dahinter, ist eine Mannschaft, in der niemand glaubt, gesetzt zu sein, weil er einen großen Namen hat.
Beim 1:0 gegen Neuseeland am vergangenen Samstag trug Bellingham nach seiner Einwechslung zur zweiten Halbzeit die Kapitänsbinde, und Tuchel lobte ihn anschließend ungewohnt offen. Bellingham verfüge „definitiv über Entschlossenheit und Biss", sei „voller Energie" und in „Top-Verfassung". Es klang nach einer Hand, die der Trainer reicht, ohne den Rahmen zu verschieben: Lob ja, Garantie nein. Am Mittwoch steht gegen Costa Rica die Generalprobe an, dann beginnt in Gruppe L mit Kroatien, Ghana und Panama der Ernstfall.
Ob Tuchels Methode aufgeht, wird sich an Ergebnissen messen lassen, nicht an Botschaften. Aber die Botschaft ist gesetzt: Bei dieser englischen Mannschaft entscheidet der Trainer, nicht der Marktwert.