Der Denkfehler bei Didi Hamann
Erst ist die Elf konkurrenzfähig und der Trainer schuld, dann sollen drei Stammspieler weichen. Eines von beidem trägt, nicht beides.
Dietmar Hamann macht es sich in einem Punkt zu leicht, in einem anderen zu schwer. Zu leicht, wenn er die Namen Kimmich, Goretzka und Sané für die Nationalmannschaft zur Disposition stellt und die Rechnung mit einer einzigen Zahl begründet. Zu schwer, weil er im selben Atemzug einräumt, was die klare Kante eigentlich einreißt: dass die deutsche Mannschaft schlechter gemacht werde, als sie sei. Beides gleichzeitig zu behaupten, ist ein Widerspruch in sich – und damit ein Denkfehler bei Didi Hamann.
Das statistische Argument klingt zwingend und ist doch das schwächste, das Hamann anbietet. Mit Kimmich, sagt der Ex-Nationalspieler und Sky-Experte der Münchner Abendzeitung, "waren wir bei den letzten fünf Turnieren nie weiter als bis im Viertelfinale. Da frage ich mich, warum das in zwei Jahren anders sein soll." Die Frage ist berechtigt, die Schlussfolgerung nicht. Aus fünf Turnieren ohne Halbfinale folgt, dass etwas in der Mannschaft nicht funktioniert hat – nicht, dass ein einzelner Spieler die Ursache ist. Ein Kapitän ist kein Alibi für alles, was schiefging, und keine Sicherung, die man zieht, damit der Rest weiterläuft.
Interessant wird Hamann dort, wo er konstruktiv wird. Nico Schlotterbeck als künftiger Kapitän, Felix Nmecha als Achse, um die herum ein zentrales Mittelfeld der Zukunft gebaut wird: Das ist eine Idee, kein bloßes Aussortieren. Wer einen Umbruch fordert, muss sagen, worauf er baut, und das tut Hamann. Man muss diese Namen als Lösung nicht mögen, um anzuerkennen, dass hier eine Vorstellung vom nächsten Team steckt und nicht nur die Lust, alte Gesichter loszuwerden. Ein Neuanfang, der nur streicht und nichts errichtet, ist keiner.
Der eigentliche Bruch in Hamanns Argumentation liegt woanders. Er hält die erste Elf für "durchaus konkurrenzfähig" und schiebt das Scheitern auf den Trainer: "Wenn du einen Trainer hast, der wenig Interesse hat und sich nur wenige Spiele anschaut, brauchst du dich nicht zu wundern, wenn am Ende so ein Ergebnis dabei herauskommt", sagt er über den zurückgetretenen Julian Nagelsmann. Das ist eine harte Zuspitzung, und sie steht quer zur Forderung nach dem Kaderumbruch. Denn wenn die Elf konkurrenzfähig war und am Trainer scheiterte, dann ist mit dem Rücktritt Nagelsmanns die Ursache bereits verschwunden. Warum dann noch Kimmich als Kapitän opfern? Das ergibt keinen Sinn.
Darum tritt hier sein Denkfehler offen zu Tage. Man kann nicht die Spieler für stark genug und das Ergebnis für die Schuld des Trainers erklären – und im selben Interview drei dieser Spieler aussortieren wollen. Eines von beidem trägt. Entweder die Substanz stimmt und der Rahmen war falsch, oder die Substanz ist das Problem und ein neuer Trainer ändert wenig.
Für den Blick nach vorn bedeutet das: Die Frage, ob ein Neuanfang ohne Kimmich, Goretzka und Sané geht, ist berechtigt und offen. Beantwortet hat Hamann sie nicht – er hat sie nur lauter gestellt. Ein Umbruch, der die eigene Diagnose nicht aushält, ist eine Forderung, keine Antwort. Und wer den Kapitän streichen will, sollte einen besseren Grund nennen als fünf Turniere, in denen elf Spieler auf dem Platz standen.
Unbedingt lesen: Hamann fordert DFB-Aus für Kimmich