Ciro Immobile: In Dortmund verlacht, in Rom vergöttert
Zwei Länder, zwei Erzählungen, ein Stürmer: Wie ein gescheitertes Jahr am Ende weniger wiegt als 207 Tore in acht Jahren.
Zwei Ligatore in einem halben Jahr beim Paris FC, danach ein Video, in dem ein 36-Jähriger von einem „sehr schwierigen Moment“ spricht: So endet die Karriere von Ciro Immobile. Der Schluss klingt nach Abstieg, nach einem Mann, der nicht loslassen wollte und dem der Körper die Entscheidung abnahm. „Wenn ich mich nicht mehr durchbeißen kann, wenn ich Schmerzen habe, dann ist das schwer“, sagte er.
Wer in Deutschland auf diese Karriere blickt, erinnert sich an etwas anderes. Immobile kam 2014 zum BVB, blieb bis 2016 und ging als das durch, was der Fußball einen Flop nennt. Zwei Jahre, dann weg. Diese Etikettierung ist bis heute die deutsche Fassung seiner Geschichte – und sie ist grundfalsch.
Denn die italienische Fassung erzählt einen anderen Mann. Zwischen 2016 und 2024 traf Immobile für Lazio Rom in 340 Spielen 207-mal, mehr als jeder andere in der Klubgeschichte. Das ist keine Statistik für eine gute Saison, das ist die Bilanz eines Jahrzehnts, in dem er zur Konstanten eines ganzen Vereins wurde. Rekordtorschütze wird man nicht durch Talent allein, sondern durch acht Jahre, in denen man abliefert.
Dazu 57 Länderspiele und der Titel, den fast jeder italienische Stürmer seiner Generation vergeblich sucht: Europameister 2021. Immobile stand im Kader jener Mannschaft, die im Wembley-Stadion England schlug. Wer eine EM gewinnt, gehört nicht in die Ablage „nicht gut genug“.
Es stimmt, dass Immobile bei großen Turnieren nie die Tore lieferte, die seine Serie-A-Zahlen versprachen. In der Nationalmannschaft blieb er hinter der Wucht zurück, die er in Rom Woche für Woche entfaltete, und für manche bleibt er deshalb ein Stürmer, der auf der ganz großen Bühne den letzten Beweis schuldig blieb. Nur misst dieser Maßstab einen einzelnen Sommer gegen ein Berufsleben.
Denn eine Karriere von 17 Jahren beurteilt man nicht nach den Wochen, in denen die Kameras am hellsten leuchten. Man beurteilt sie nach der Summe. Und die Summe von 207 Toren für einen einzigen Klub ist eindeutig, egal wie oft ein Achtelfinale danebenging.
Die deutsche Erzählung hält an zwei Jahren fest und blendet die acht danach aus. Das ist bequem, weil es die eigene Wahrnehmung nicht korrigieren muss: Wer in Dortmund scheitert, bleibt in Dortmund ein Gescheiterter. Dass derselbe Mann anderswo zur Legende wuchs, passt nicht ins Bild, also kommt es nicht vor.
Dabei liegt gerade darin die Lehre dieses Abschieds. Immobile spielte auch für den FC Sevilla und Besiktas Istanbul, ehe Rom ihn fand – oder er Rom. Nicht jeder Standort passt zu jedem Spieler, und ein früher Fehlgriff sagt wenig über das, was ein Profi über Jahre werden kann. Der Dortmunder Immobile und der römische Immobile sind derselbe Mensch, nur an unterschiedlichen Orten.
Dass er zum Schluss beim Paris FC scheiterte, nach schwerer Oberschenkelverletzung, ändert daran nichts. Karrieren enden selten auf dem Gipfel. Sie enden dort, wo der Körper aufhört mitzuspielen, und Immobile hatte den Anstand, das selbst zu erkennen, statt sich weiter durchzuquälen.
Er wolle nun „Zeit mit meiner Familie verbringen“, sagte er, sie seien ihm 17 Jahre lang überallhin gefolgt. Diese 17 Jahre führten durch vier Länder und endeten in einem Verein der zweiten Reihe. Aber sie führten auch durch 207 Tore und einen EM-Titel. Wer Ciro Immobile einen Flop nennt, hat nur die ersten zwei Kapitel gelesen.
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