Christian Heidels Abbitte zeigt: Die Conference League ist besser als ihr Ruf
Christian Heidel lehnte die Conference League einst reflexhaft ab. Jetzt erlebt Mainz europäische Nächte, die der Klub sonst nie hätte.
Christian Heidel hat 33 Jahre Mainz im Blut. Er kennt jeden Winkel dieses Vereins, jede Grenze des Etats, jedes Auf und Ab zwischen Abstiegskampf und den seltenen Momenten, in denen sich etwas Größeres anfühlt. Und trotzdem stand ausgerechnet er da und sagte zur Conference League: „Was soll das jetzt wieder? Das wird niemanden interessieren." Jetzt, vier Jahre später, leistet er öffentlich Abbitte.
Der Wettbewerb, den er reflexhaft ablehnte, hat seinem Verein den ersten Viertelfinaleinzug in einem europäischen Wettbewerb überhaupt beschert. 32.000 in der ausverkauften Arena beim 2:0 gegen Racing Straßburg. Kaishu Sano, Stefan Posch – Tore, die in Mainz niemand vergessen wird. Heidel nennt es „etwas sehr Außergewöhnliches". Man könnte es auch nüchterner formulieren: eine Blamage für alle, die vorher urteilen, statt nachher zu bewerten.
Heidels Sinneswandel ist ehrlich, das rechnet man ihm an. Aber er ist eben auch symptomatisch. In Deutschland wird jeder neue UEFA-Wettbewerb erst einmal mit einem Achselzucken bedacht – zu viel Kommerz, zu viele Spiele, zu wenig Tradition. Man schimpft auf die UEFA, bevor der erste Ball gerollt ist, und vergisst dabei, wem die dritte Europapokal-Ebene eigentlich dient: nicht Bayern München, nicht Borussia Dortmund, sondern Vereinen wie Mainz 05, die mit 30 Punkten auf Platz neun der Bundesliga stehen und normalerweise im April nur noch um die Restsaison-Motivation kämpfen. Die Conference League gibt genau diesen Klubs europäische Abende, die sie sich auf anderem Weg nie erspielen könnten.
Natürlich kann man einwenden, dass ein dritter europäischer Wettbewerb den Kalender weiter aufbläht und die Belastung steigt. Heidel selbst hat das jahrelang so gesehen. Doch der Realitätscheck fällt eindeutig aus: Mainz, im Dezember noch Tabellenletzter mit sechs Punkten nach zwölf Spieltagen, hat unter Urs Fischer nicht nur den Abstiegskampf hinter sich gelassen – zwölf Punkte Polster auf einen direkten Abstiegsplatz –, sondern spielt parallel dazu die beste europäische Saison der Vereinsgeschichte. Platz sieben in der Ligaphase, direkte Qualifikation fürs Achtelfinale, jetzt das Halbfinale in Reichweite. Die Conference League hat diese Mannschaft nicht geschwächt, sie hat ihr eine Identität gegeben.
Und der Effekt reicht weiter als bis zum Bruchweg. Heidel bringt es selbst auf den Punkt, wenn er erzählt, wie er und seine Kollegen „sehr viel lachen" mussten, dass Mainz und Freiburg plötzlich „die Champions-League-Plätze retten müssen". Was wie eine Pointe klingt, hat strategische Tragweite: Je besser Mainz in der Conference League abschneidet, desto mehr profitiert der gesamte deutsche Fußball über den UEFA-Koeffizienten. Die großen Klubs, die den Wettbewerb belächeln, nehmen das gerne mit – verteidigen müssen ihn andere.
Aufschlussreich ist auch der Blick auf die Gegenseite des Viertelfinals. Racing Straßburg, nach einer Insolvenz 2011 in der fünften Liga neu gestartet, steht zum ersten Mal seit 46 Jahren in einem Europapokal-Viertelfinale. Zwei Vereine, die ohne die Conference League unsichtbar wären auf der europäischen Landkarte – und die jetzt Geschichten schreiben, die größer sind als manches Champions-League-Gruppenspiel. Heidel sagt: „Dieser Wettbewerb ist ein absoluter Volltreffer."