Boykott-Drohung zurückgezogen: Die UEFA tauscht ihr stärkstes Argument gegen ein Stück Papier

Der Weltverband liefert eine Zusage im Verborgenen, sein Präsident bleibt einziger Kandidat. Europa hat einen Plan gestoppt, nicht die Machtfrage.

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Boykott-Drohung zurückgezogen: Die UEFA tauscht ihr stärkstes Argument gegen ein Stück Papier
IMAGO/Gribaudi/ImagePhoto

Der polnische Verband teilte am Mittwoch auf SID-Anfrage mit, die Vorbereitungen für die U20-WM der Frauen ab 5. September verliefen „planmäßig“. Es gebe „keinerlei Informationen über einen möglichen Rückzug eines der teilnehmenden Teams vom Turnier“. Das Turnier, das ein UEFA-Boykott als erstes getroffen hätte, findet also statt, als hätte es die Drohung nie gegeben.

Genau darin liegt der Preis, den Europa gezahlt hat. Die UEFA gibt ihr wirksamstes Druckmittel auf, weil die FIFA ihr laut Guardian „konkrete Garantien“ gegeben hat – zugesagt in einem „privaten Schreiben“, das nie ein Turnier verhindern muss, weil es niemand lesen kann. Nennen wir es, was es ist: ein Stück Papier - mehr nicht. FIFA-Präsident Gianni Infantino bleibt damit vorerst im Amt - trotz massiver Kritik.

Die Chronologie ist ernüchternd. Anfang August formulierte die UEFA ihre Bedingung für eine Rückkehr zu FIFA-Wettbewerben, es müsse sichergestellt werden, „dass derartige Versuche, den Fußball auf diese Weise zu entstellen, niemals wieder unternommen werden“. Beim Rückzug des Investorenplans hatte die FIFA eine solche Zusicherung zunächst nicht gegeben. Nachgeholt wurde sie erst, als der Boykott drohte.

Dass FIFA-Boss Infantino überhaupt nachliefern musste, ist kein kleines Ergebnis. Der Investorenplan wurde überraschend vorgestellt und verworfen, die Kritik an ihm dauert seither an, und ein Weltverband, der seinen Kontinentalverbänden schriftliche Garantien geben muss, ist ein schwächerer Weltverband als der, der solche Pläne im Alleingang präsentiert. Wer Institutionen ernst nimmt, muss diesen Vorgang als Erfolg der UEFA verbuchen.

Nur bindet ein Brief kein Amt. Er beendet ein Vorhaben, keine Machtverhältnisse. Und die UEFA selbst sagt es: Sie fordert nach wie vor Infantinos Rückzug. Wer die Personalie als offenen Punkt bezeichnet und gleichzeitig das Instrument einpackt, mit dem sie zu klären gewesen wäre, hat den Konflikt nicht gelöst, sondern in den Kalender verschoben.

Dieser Kalender hat ein Datum: die Wahl im März 2027, für die Infantino bislang der einzige erklärte Kandidat ist. Eine Zusage, keinen zweiten Investorenplan zu verfolgen, ändert an dieser Zahl nichts. Sie schützt den Amtsinhaber sogar, weil sie den lautesten Vorwurf gegen ihn abräumt, ohne ihn selbst zu berühren.

Am Donnerstag beraten die 55 nationalen Verbandsbosse um DFB-Präsident Bernd Neuendorf und das Exekutivkomitee um Hans-Joachim Watzke rund um die Champions-League-Auslosung in Monaco über weitere Schritte. Zum Stand der Dinge wollte sich die UEFA auf Anfrage nicht äußern. Ein Verband, der Rücktritt verlangt und zur Garantie schweigt, sendet zwei Signale gleichzeitig – und das schwächere setzt sich durch.

Es gibt einen Unterschied zwischen einem Zugeständnis und einer Entscheidung. Das Zugeständnis liegt vor, unterschrieben, nicht öffentlich. Die Entscheidung, wer den Weltfußball in den kommenden Jahren führt, hat die UEFA an ein Datum delegiert, an dem ihr Gegenüber die einzige Kandidatur hält.

Die FIFA hat einen Plan geopfert und ihren Präsidenten gerettet. Europa hat einen Boykott verkauft, den es nie führen musste – und dafür bekommt es einen Brief. Sorry, ein Stück Papier. Als Sieg mag das durchgehen. Als Machtwechsel nicht: Wer den Rückzug eines Präsidenten fordert und ihm zuvor die einzige Waffe zurückgibt, verhandelt nicht, er bittet.

Unbedingt lesen: FIFA-Machtkampf: Boykott-Drohung der UEFA wohl vom Tisch