Bindung vor Begabung: Amateurvereine brauchen Loyalität
Nicht die größten Talente entscheiden über den Vereinserfolg, sondern Identifikation und die Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen.
Von Gerd Thomas
Bindungskräfte von Fußballvereinen war ein Thema, worüber ich mit meinem Freund Michi Franke, Vorsitzender der FT Gern München, kürzlich im Hartplatzhelden-Podcast gesprochen habe. Bindungskraft! Ein großes Wort, aber für Amateurclubs ein zentrales Thema. Neulich traf ich einen Rechtsanwalt dessen Söhne früher bei uns im Verein spielten, beide talentiert. Die Mutter ist eine angesehene Professorin, die Eltern insgesamt sehr angenehm, zudem eine wahrlich fußballaffine Familie.
Auf Nachfrage erzählte mir der Vater, die Jungs hätten inzwischen aufgehört. Ähnlich erging es einem Künstlerehepaar, dessen Kinder ebenfalls leidenschaftlich bei uns kickten, später jedoch über den Umweg einer anderen Sportart ganz andere Interessen entwickelten. Der Sport in der Kindheit wird ihnen nicht geschadet haben. Bei anderen Eltern weiß ich meistens nicht, was sie beruflich machen. Wobei es durchaus Sinn macht, das zu erfragen, denn oft verbergen sich spannende berufliche Expertisen. Aber unabhängig von Beruf oder Hintergrund, eint viele die Überzeugung, dass ihr eigenes Kind „das Zeug zu Größerem“ hat.
Der Trugschluss vom großen Talent
Die Realität sieht oft anders aus: Von den vermeintlich Hochbegabten schaffen es nur wenige bis in den Erwachsenenbereich. Deshalb rate ich Trainern der E- und D-Jugend-Teams regelmäßig, den Fokus nicht ausschließlich auf die auffälligsten Spieler zu legen. Ja, sie entscheiden oft Spiele und sichern kurzfristige Erfolge. Doch genau sie sind häufig auch diejenigen, die dem Verein am schnellsten wieder den Rücken kehren. Und sei es, dass der überehrgeizige Trainer eines anderen Vereins die Kinder (verbotenerweise) auf Social Media kontaktiert, nicht selten mit haltlosen Versprechungen – man könnte sie auch Lügen nennen. Die Vereine zeigen wenig Ambitionen, gegen dieses niedere Treiben vorzugehen, was mich immer noch maßlos ärgert. Viele Funktionäre sehen das nicht als ihre Aufgabe an.
Selbst sehr erfahrene Trainer haben es heute schwer, ambitionierte Talente langfristig zu halten. Nicht selten sind die Väter sogar ehrgeiziger als ihre Kinder. Dann folgt der Wechsel zu vermeintlich besseren Vereinen – oft ohne dort wirklich Fortschritte zu machen. Es ist lediglich eine Liga höher, und man hört immer wieder von Kindern, die deshalb viele Einsatzzeiten bekommen, weil der Vater als Sponsor hilft, die horrenden Kosten zu decken. Ich spreche ausdrücklich nicht von den Nachwuchsleistungszentren der Profiklubs. Dort kommen nur die Allerwenigsten an. Gemeint sind vielmehr ambitionierte Vereine der zweiten Reihe mit überregionalem Spielbetrieb. Doch weder der Schritt ins Nachwuchsleistungszentrum noch der Wechsel in die Regionalliga sind Garantie für eine große Karriere. Ein hochbegabter ehemaliger Jugendnationalspieler, den ich früher trainieren durfte, wurde zum Sportinvaliden, bevor er nur eine Minute Profifußball gespielt hatte. Immerhin ist aus ihm ein guter Trainer geworden, aber über die vielen Spieler, die aufgrund von Überlastung verschiedenster Art „scheitern“, redet in Fußballdeutschland fast niemand.
Was Familien und Vereine wirklich verlieren
Zum Beispiel bedeuten die vielen Kilometer auf Autobahn und Landstraße oder im städtischen Stau für Familien einen hohen zeitlichen Aufwand. Ob das dem Kind wirklich hilft, ist individuell zu bewerten – in der Regel bleibt es eine Frage der Perspektive. Für die Heimatvereine, in denen die Kinder das Fußballspielen gelernt haben, ihre ersten Spiele und Trainingseinheiten erlebten, bleibt meist wenig Gegenwert. Nur selten kehren Spieler, die es bei den „Top-Vereinen“ nicht geschafft haben, zu ihrem Ursprungsklub zurück. Häufig hören sie ganz auf. Studien zum Nachwuchsfußball bestätigen dieses Bild: Die Drop-out-Quote steigt deutlich ab der frühen Pubertät. Gründe sind Leistungsdruck, mangelnde soziale Bindung und der Verlust von Freude am Spiel.
Spätere Vereinshelden stehen oft im Hintergrund
Deshalb empfehle ich Trainern, genau hinzusehen, wer sich im Umfeld der kleinen Stars bewegt. Mancher Spieler steht als Kind nicht in der ersten Reihe, bleibt dem Verein aber über Jahre treu und wird später eine tragende Säule der ersten Herrenmannschaft. Oft ist nicht die reine Leistungsfähigkeit entscheidend, sondern die integrative Kraft eines Spielers. Wer sich mit seinem Verein identifiziert, ist zudem deutlich eher bereit, Verantwortung zu übernehmen – auch im Ehrenamt. Eine feste Regel gibt es nicht, aber viele Ausnahmen. Niemand weiß, wer einem Verein bis zum 19. Lebensjahr oder darüber hinaus treu bleibt. Doch man kann davon ausgehen: Wer zehn Jahre oder länger dabei ist, hat viel von der Vereins-DNA aufgenommen, teilt Werte und Gepflogenheiten und bleibt dem Klub meist auch langfristig verbunden. Natürlich kommen in jeder Saison neue Spieler hinzu. Einige entpuppen sich als echte Aktivposten – das ist allerdings eher die Ausnahme. Wahrscheinlicher ist, dass diejenigen, die lange bleiben, später auch Verantwortung übernehmen: als Trainer, Betreuer oder Vorstandsmitglied. Und wenn doch einmal jemand zurückkehrt, sollten wir ihm nicht mit Häme begegnen, sondern mit offenen Armen. Denn offenbar hat er erkannt, dass der Ort, an dem alles begann, doch einiges zu bieten hat – die beste Voraussetzung für neues Engagement.