Bärenstark, aber unsexy: Spanien ist der größte Spielverderber der WM
Es spielt Kopf gegen Herz, Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel über das anstehende WM-Finale am Sonntag
Jetzt ist es also wirklich passiert. Die Spanier stehen im Finale. Sie haben immer zu den WM-Favoriten gehört, doch geredet haben wir in den letzten fünf Wochen lieber über andere Mannschaften: Frankreich, England, Argentinien, Norwegen zum Beispiel. Diese Nationen haben Spieler hervorgebracht, die begeistern. Jedes Kind kennt und verehrt Mbappé, Dembélé, Kane, Bellingham, Messi, Haaland.
Aber im Finale steht Spanien; und wird vermutlich gewinnen. Muss das denn sein?
Geh' mal am Wochenende auf den Bolzplatz um die Ecke (falls da noch einer existiert) und frag nach der Startelf von Spanien. Da wird's nach Lamine Yamal ein großes Grübeln geben. Der Star und spanische Knotenpunkt ist ein Sechser, das sagt alles. Name: Rodri. Ist das nicht der Typ, der bei diesem unsympathischen Scheichklub spielt und sich den Weltfußballertitel an Krücken abholte?
Welcher Spanier hat die meisten Tore erzielt? Michael Ojasairgendwas. Ich behaupte: Selbst hochrangige Sportjournalisten wissen nicht, wie man ihn richtig schreibt. Die Spanier haben in etwa das Starpotenzial eines DFB-Präsidiums.
Der überhypte Yamal? Mister Lamentier, er muss mit Jamal Musiala verwandt sein. Yamal kommt bisher auf ein Tor und einen Assist in sieben Spielen. Selbst Deniz Undav schaffte das in 14 WM-Minuten.

Und natürlich schreibe ich das alles nur, weil mich der Neid zerfrisst. Mit Handkuss würde ich eine deutsche Nationalmannschaft nehmen, die auch so ist. Die sich nicht fragend anguckt, wenn's eng wird, und nicht glaubt, Probleme ließen sich mit guter Laune oder einer gereckten Faust beheben. Eine deutsche Nationalmannschaft, die sich durch eine WM fräst, ob das nun sexy aussieht oder nicht.
Ich würde dann vielleicht sogar meinen absoluten Fußballhassbegriff mit Freude verwenden: "Kollektiv". Spaniens Erfolgsrezept ist nämlich das "Kollektiv". Experten sagen: Bei dieser WM gibt's keinen Titel ohne "Kollektiv".
"Kollektiv" ist der böse kleine Stiefbruder von "Superstar".
Spaniens Trainer hat in einem Interview nach dem Sieg gegen Frankreich achtmal die Mannschaft erwähnt und immer von der Gruppe gesprochen, stellte ZDF-Experte Christian Streich freudetrunken fest. Berti "Der Star ist die Mannschaft" Vogts dürfte geweint haben vor Glück.
Der Trainer der Spanier heißt übrigens Fuentes. Nein, Moment: de la Fuente. War der nicht mal Arzt? Und welche Klubs hat er vorher trainiert? Vor Jahrhunderten kurz Bilbao und Alaves. Dann vor allem die Jugendteams seines Heimatverbandes. Er hat den gesamten spanischen Fußball unterwandert und zur bedingungslosen Misserfolgslosigkeit erzogen. Die A-Nationalmannschaft hat unter Luis de la Fuente von 49 Spielen drei verloren. Drei. Eines davon im Elfmeterschießen. Sie nennen ihn: Mastermind.
Fakt ist: Spanien hielt sich bei diesem Turnier schön im Hintergrund und spielte den effektivsten Fußball, als es drauf ankam – hat also einerseits den Finaleinzug voll verdient und wird vermutlich (kollektiv) den Pott gewinnen. Andererseits: Weniger sexy geht nicht.
Diese Mannschaft spielt Fußball wie Schach – mit dem Kopf. Finalgegner Argentinien kickt derweil mit viel Herz und Lionel Messi. Ich weiß schon, wem ich am Sonntag die Daumen drücke ...
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