Ausweis am Stadiontor: Wie viel Kontrolle verträgt die Fankurve?

Der lauteste Ruf kam diesmal aus Düsseldorf. NRW-Innenminister Herbert Reul sah durch die Krawalle den Fußball als Familienfest beschädigt und bemängelte die Kontrollen beim Gastgeber.

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Ausweis am Stadiontor: Wie viel Kontrolle verträgt die Fankurve?
Foto: CHUTTERSNAP / Unsplash

Am Sonntag flogen in Köln wieder Böller. Aus dem Gästeblock auf der Nordtribüne wurde Pyrotechnik gezündet, sechs Menschen wurden nach Polizeiangaben verletzt, darunter ein Kind. Der 1. FC Köln gewann das Derby gegen Borussia Mönchengladbach mit 2:1. Über das Ergebnis sprach am Montag trotzdem kaum jemand. Gesprochen wurde über den Einlass. Wie kommt das Zeug ins Stadion, und wer hat am Tor eigentlich kontrolliert? Nach solchen Abenden taucht verlässlich eine Idee auf, die einfach klingt und seit Jahren umstritten ist. Jeder Fan zeigt am Stadiontor seinen Ausweis, und jedes Ticket trägt einen Namen.

Eine Forderung mit langer Vorgeschichte

Der lauteste Ruf kam diesmal aus Düsseldorf. NRW-Innenminister Herbert Reul sah durch die Krawalle den Fußball als Familienfest beschädigt und bemängelte die Kontrollen beim Gastgeber. Neu ist der Ton nicht. Seit Jahren pendelt die Debatte zwischen Sicherheitsbehörden und Kurve, und jedes Mal liegen ähnliche Vorschläge auf dem Tisch.

Im Herbst 2025 schien eine Entscheidung nah. Die Innenministerkonferenz diskutierte personalisierte Tickets und eine KI-gestützte Gesichtserkennung am Stadiontor. Nach wochenlangen Protesten der Fanszenen rückte sie im Dezember davon ab. Bremens Innensenator Ulrich Mäurer, damals Vorsitzender der Konferenz, erklärte das Thema Ticketing für erledigt, weil niemand die Stehplätze aufgeben werde.

Erledigt ist es trotzdem nicht. Im Juni dieses Jahres brachte Sachsens Innenminister Armin Schuster die Namenstickets zurück, zunächst als Pilotprojekte mit kooperativen Vereinen. Die Stehplätze wolle er nicht abschaffen, ihm gehe es nur um die Zugangskontrolle. Für viele in der Kurve liegt darin das eigentliche Problem. Das Stadion gehört zu den letzten Orten, an denen ein Fan einfach Fan sein kann, ohne vorher zu beweisen, wer er ist.

Verifizierung jenseits des Stadiontors

Außerhalb des Stadions beweist derselbe Fan das ständig. Die Dauerkarte steckt in der Vereins-App, die an ein Kundenkonto mit Geburtsdatum gebunden ist. Bei Überweisungen kann die Banking-App eine zusätzliche Freigabe verlangen, etwa per TAN, PIN oder Biometrie, während der Bezahldienst eine bestätigte Telefonnummer fordert. Beim Nachbarn ist dieser Alltag längst staatlich organisiert. Die digitale ID Austria nutzen inzwischen sechs Millionen Menschen, bis Ende 2029 sollen alle neun Millionen Einwohner eine haben.

Mit jeder neuen Prüfung wächst auch der Wunsch, ihr auszuweichen. In Österreich zeigt sich das am Interesse an Angeboten mit Sofortauszahlung ohne Verifizierung. Doch bei Online-Casinos sind Auszahlungen ohne Identitätsprüfung nicht garantiert. Eine KYC-Prüfung kann schon bei der ersten Auszahlung verlangt werden; die Betragsgrenzen unterscheiden sich je nach Casino. Bei größeren Auszahlungen lösen viele Anbieter spätestens bei Beträgen zwischen etwa 500 und 2.000 Euro eine Identitätsprüfung aus.

Für die Kurve ist das ein vertrautes Muster. Wer überall Daten hinterlegt, verteidigt die wenigen Orte, an denen niemand danach fragt. Der Stehblock ist so ein Ort. Offen bleibt, ob die Gefahr dort groß genug ist, um den Ausweis am Tor zu rechtfertigen. Darauf gibt die Polizei selbst eine überraschend klare Antwort.

Die Polizeistatistik als Gegenargument

Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze hat für die Saison 2024/25 nachgezählt. In den drei oberen Ligen kamen mehr als 25 Millionen Fans in die Stadien. Dabei wurden 1.107 Menschen verletzt, etwa 0,004 Prozent aller Besucher. Im Vergleich zur Vorsaison sank die Zahl der Verletzten um mehr als 17 Prozent. Gestiegen ist dagegen der Missbrauch von Pyrotechnik, und dieses Problem hat Köln am Sonntag erneut vorgeführt.

Die Zahlen sprechen für einzelne Brennpunkte, häufig dieselben Blöcke und dieselben Gruppen. Ein Namensticket hätte auf der Nordtribüne wenig verhindert. Böller gelangen im Jackenfutter oder im Hosenbund ins Stadion, der Name auf der Karte spielt dabei keine Rolle. Wirksamer sind gründliche Taschenkontrollen, die Auswertung der Stadionkameras und Stadionverbote für konkrete Täter. Für Letztere haben DFB und DFL inzwischen eine zentrale Aufsichts- und Überprüfungsstelle eingerichtet, die bundesweit einheitliche Maßstäbe setzen soll. Wer die Zahlen ernst nimmt, stellt deshalb eine andere Frage als die nach dem Ausweis.

Die Fankurve verträgt Kontrolle, solange sie die Richtigen trifft. Ordner, die Taschen öffnen, gehören ebenso dazu wie Stadionverbote für Leute, die Böller werfen. Schwer erträglich wird es dort, wo Zehntausende sich ausweisen sollen, damit einige Dutzend leichter zu finden sind. Die Polizeizahlen tragen diese Rechnung nicht. Nach dem Derby in Köln ist die Versuchung groß, wieder beim Ausweis anzusetzen. Klüger wäre es, den Einlass besser zu machen und die Täter konsequenter zu verfolgen. Wir sollten uns den Stehblock als einen der wenigen Orte bewahren, an denen niemand fragt, wer man ist. Das verletzte Kind aus Köln hat ein Recht darauf, sicher zu sein. Die Kurve hat ein Recht darauf, nicht für alle zu haften.