44 Spieler, ein Punkt: Klopps großes Casting ist trotzdem richtig
Nach dem 0:1 gegen Griechenland schreibt das halbe Land die Nationalmannschaft ins Mittelmaß. Morgen gegen Serbien läuft in München eine Elf auf, die es in dieser Form nie wieder geben wird. Genau darin liegt der Sinn dieses Herbstes, schreibt Pit Gottschalk.
Bundestrainer Jürgen Klopp hat aus seinen ersten beiden Länderspielen einen Punkt geholt: 1:1 in Amsterdam gegen die Niederlande, 0:1 in Augsburg gegen Griechenland, die erste Niederlage gegen die Griechen im elften Duell. Die Kritik kommt seitdem von allen Seiten. ARD-Experte Bastian Schweinsteiger sieht Deutschland „im Mittelmaß angekommen“, der frühere Nationalspieler Stefan Effenberg schreibt in seiner Kolumne bei t-online, Deutschland sei „nur noch Mitläufer im Weltfußball“, und Rekordnationalspieler Lothar Matthäus hält die Heimreise von Kapitän Joshua Kimmich für falsch.
Auf der anderen Seite steht Klopps Casting, ein Plan, den er vor dem ersten Spiel angekündigt hat: 44 Spieler in zwei Kadern, und nach dem zweiten Spiel wird die Mannschaft fast komplett ausgetauscht. Für die Spiele gegen Serbien und in Griechenland sind nur sechs Spieler aus dem ersten Kader geblieben.
Bei Fever Pit'ch hat Alex Steudel heute früh die Angst vor dem Mittelmaß beschrieben („Runde 3 mit Jürgen Klopp: Mittelmaß trifft Serbien“). Dieser Text hält dagegen und fragt, wofür dieser Herbst eigentlich da ist.
Was man zum Klopp-Casting wissen muss
- Die ehrliche Gegenrechnung zuerst. In der Nations League spielt Deutschland in Liga A, der höchsten Spielklasse, in der Gruppe 2 mit den Niederlanden, Griechenland und Serbien. Nach zwei Spielen liegt die Mannschaft mit einem Punkt auf Platz drei, fünf Punkte hinter Tabellenführer Griechenland; Serbien ist noch punktlos. Wer morgen gegen den Tabellenletzten verliert, rutscht selbst auf den letzten Platz und spielt plötzlich gegen den Abstieg aus Liga A: Die beiden schwächsten Gruppenletzten steigen direkt ab, die beiden besseren müssen in die Relegation. Wie viel Experiment verträgt eine Gruppe, in der dem Letzten der Abstieg droht?
- Kimmichs Heimreise ist das eigentliche Signal. Kimmich gehörte nur zum ersten Kader und musste nach dem 0:1 in Augsburg abreisen, so wie es Klopps Plan vorsah. Der Kapitän sagt, er habe „bis zuletzt gehofft zu bleiben“. Matthäus hätte ihn alle vier Spiele behalten, damit auch die Neuen im zweiten Kader ihn kennenlernen. Sportschau-Datenanalyst Marcus Bark liefert das Gegenargument: Kimmich war gegen Griechenland 152-mal am Ball und spielte 128 Pässe, 92 Prozent davon kamen an, aber nur zwei von elf Zuspielen in den Strafraum. Ist ein Trainer, der seinen Kapitän nach einem 0:1 heimschickt, konsequent oder beratungsresistent?
- Drei Torhüter, null Länderspiele. Im ersten Kader stand Marc-André ter Stegen im Tor, den Klopp bei der Nominierung nur „für den Moment“ zur Nummer eins erklärt hat. Im zweiten Kader stehen drei Torhüter ohne ein einziges Länderspiel: Jonas Urbig vom FC Bayern soll morgen in München debütieren, dahinter stehen Noah Atubolu von Eintracht Frankfurt und Finn Dahmen vom FC Augsburg, der als einer der sechs aus dem ersten Kader geblieben ist. Das ist die schärfste Bestandsaufnahme dieses Kaders: Auf der wichtigsten Position hat Klopp noch keine Antwort, also sucht er sie jetzt.
- „Qualität kann auch Klopp nicht herzaubern“, schreibt Sport1-Reporter Manfred Sedlbauer in einem Kommentar, und Schweinsteiger vermisst „Spieler, die den Unterschied machen“. Wer das glaubt, muss das Casting eigentlich begrüßen. Wenn die Qualität fehlt, bleibt nur, sie unter 44 Kandidaten zu suchen, statt mit den üblichen 23 auf ein Wunder zu warten.
- Der Unterbau drängt schon. Acht Spieler aus Klopps Aufgebot dürften vom Alter her noch in der U21 spielen, darunter Said El Mala vom 1. FC Köln sowie Lennart Karl und Tom Bischof vom FC Bayern. Die U21 hat am Samstag in der EM-Qualifikation Lettland in Riga 4:0 geschlagen, und Klopp hat danach selbst bei U21-Trainer Antonio Di Salvo angerufen, um zu gratulieren. Ist das Casting in Wahrheit die Einladung an eine ganze Generation?
- Der Helmut-Schön-Vergleich. Laut der Schweizer Zeitung Blick ist Klopp der erste Bundestrainer seit Helmut Schön, der aus seinen ersten beiden Spielen keinen Sieg holt; Schön begann 1964 und 1965 mit zwei 1:1 gegen Schweden und Italien. Schön wurde später Europameister 1972 und Weltmeister 1974. Taugt ein holpriger Start überhaupt als Prognose?
- Wie lange hält der Kredit? Effenberg schreibt, die Öffentlichkeit verzeihe Klopp mehr als anderen Trainern, stelle an ihn aber auch größere Erwartungen. Nach den Spielen gegen Serbien und in Griechenland folgen im November die letzten beiden Gruppenspiele, am 13. November in Serbien und am 16. November in Berlin gegen die Niederlande, dann ist das Testen vorbei. Reicht ein Sieg morgen, um die Debatte bis dahin zu vertagen?
- Die Belastungsfrage. Die FIFA hat die Länderspielpausen im Herbst neu geordnet: Statt zweier Fenster mit je zwei Spielen gibt es in diesem Jahr zum ersten Mal ein langes Fenster mit vier Spielen in elf Tagen, vom 24. September bis zum 4. Oktober. Klopp hat den Kader auch geteilt, damit niemand alle vier Partien über 90 Minuten bestreitet. Jamal Musiala (Muskelfaserriss beim Aufwärmen in Amsterdam) und Kai Havertz (Zerrung im selben Spiel) sind trotzdem ausgefallen. Hätte ein Standardkader die Klubs noch mehr gekostet?
- Woran misst man diese vier Spiele? An Punkten, oder daran, ob Klopp im November drei, vier neue Stammspieler benennen kann? Wenn nach dem Spiel in Thessaloniki am Sonntag Jonas Urbig, Vitaly Janelt vom FC Brentford oder Said El Mala feste Größen sind, war das 0:1 gegen Griechenland ein Preis, den man zahlen durfte.
- Die Stimmung im Stadion. In der Münchner Allianz Arena läuft morgen eine Elf auf, deren Namen viele Zuschauer erst nachschlagen müssen. Der Gästeblock bleibt leer, weil die UEFA serbische Fans nach rassistischen und diskriminierenden Vorfällen für mehrere Spiele ausgeschlossen hat. Trägt ein Heimspiel ohne Stars die Klopp-Euphorie, oder zeigt es, wie viel davon dem Namen des Trainers galt?