1. FC Köln: Wagners erste Amtshandlung ist ein vernichtendes Urteil über Vorgänger Kwasniok
Der neue Kölner Trainer korrigiert sofort die umstrittenste Entscheidung seines Vorgängers. Das sagt mehr als jede Analyse.
13 von 27 Spielen in der Startelf. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ein 19-Jähriger mit zehn Saisontoren, einem Marktwert von 40 Millionen Euro und U21-Länderspielerfahrung saß in 14 Bundesligapartien zunächst draußen – während sein Klub nur zwei der letzten 18 Spiele gewann. Dass René Wagner keine 48 Stunden nach seinem Amtsantritt erklärt, man tue sich „keinen Gefallen", El Mala nicht in der Startelf zu haben, ist mehr als eine Personalentscheidung. Es ist eine Korrektur, die wie ein Urteil klingt.
Wagner war Kwasnioks Co-Trainer. Er kennt die Argumente, die für die Joker-Rolle gesprochen haben sollen. Er kennt die Trainingseinheiten, die internen Debatten, die taktischen Überlegungen. Und trotzdem stellt er sich am ersten Tag vor die Kameras und sagt das Gegenteil dessen, was sein Vorgänger monatelang in seinem Beisein praktiziert hat. In der diplomatischen Sprache des Fußballs ist das kein Seitenhieb – das ist ein Stilbruch.
Wagner formuliert seinen Bruch mit Kwasniok dabei auffällig sanft. Man müsse nicht „den Charakter der Mannschaft unfassbar verändern", es gehe um „Kleinigkeiten", um „ein, zwei Prozentpunkte". Die Botschaft dahinter ist weniger sanft: Die Mannschaft war nicht das Problem. Die Aufstellung war es. Wer nur an Kleinigkeiten drehen will, aber sofort die prominenteste Personalentscheidung seines Vorgängers einkassiert, der sagt im Grunde, dass das Problem auf der Trainerbank saß.
Man kann Kwasniok zugutehalten, dass er den Aufsteiger durch eine schwierige Hinrunde navigiert hat, dass er Gründe gehabt haben wird – Belastungssteuerung bei einem 19-Jährigen, taktische Balance, was auch immer. Doch die Ergebnisse haben seine Vorsicht nicht belohnt. Sieben sieglose Spiele in Folge, letzter Sieg Ende Januar gegen Wolfsburg, nur zwei Zähler Vorsprung auf den Relegationsplatz. El Mala traf in der Saison zehnmal, häufig genug als Einwechselspieler. Was hätte er mit mehr Spielzeit erreichen können?
Dass Kwasnioks Umgang mit El Malas Einsatzzeiten „im Umfeld für Kritik" sorgte, steht bereits in der Nachrichtenlage – eine erstaunlich deutliche Formulierung für die übliche Zurückhaltung der Agentursprache. Der Trainerwechsel hat diese Kritik nicht erzeugt, er hat sie legitimiert. Was vorher als Stammtisch-Gemurre abgetan werden konnte, ist jetzt die offizielle Linie des Klubs.
Für Wagner selbst ist die Sache heikel. Der 37-Jährige gibt sein Debüt als Cheftrainer im Profifußball – ausgerechnet auswärts bei Eintracht Frankfurt. Nicht gerade der Ort für Experimente. Dass er trotzdem El Mala sofort nach vorne schiebt, zeigt zweierlei: Überzeugung und Druck. Sportchef Thomas Kessler hat ihm laut Berichten die Perspektive einer Dauerlösung in Aussicht gestellt. Wagner muss liefern, und er weiß, mit wem.
Köln hat noch fünf Spiele, um den Klassenerhalt zu sichern. Zwei Punkte Vorsprung, ein neuer Trainer ohne Cheftrainer-Erfahrung, ein Team, das seit Monaten nicht gewinnt. Dass ausgerechnet ein 19-Jähriger, der gerade seine Großmutter verloren hat und trotzdem spielen will, zum Symbol für den Neuanfang wird – das erzählt weniger über El Malas Reife als über die Monate, in denen Köln seinen besten Mann zu oft auf der Bank gelassen hat.