0:4, 0:2, 1:6 – und trotzdem Europapokal! Heart of Midlothian spielt verrückt
Sechs Qualispiele, kein Sieg nach 90 oder 120 Minuten, am Ende die Ligaphase: Was der Fall aus Edinburgh über die Statik des Wettbewerbs verrät.
Vier Gegentore in Graz, zwei im Rückspiel, dann sechs gegen Benfica Lissabon: Wer die Ergebnisliste von Heart of Midlothian in dieser Europapokal-Qualifikation von oben nach unten liest, findet in sechs Spielen keinen einzigen Sieg nach 90 oder 120 Minuten. Am Mittwochabend jubelte der Klub aus Edinburgh trotzdem, nach 4:3 im Elfmeterschießen gegen Rapid Wien.
Die Hearts stehen in der Ligaphase der Conference League, und sie stehen dort, weil das europäische System sie beim Fallen zweimal aufgefangen hat. Der Weg nach unten ist inzwischen bequemer als der Weg nach oben: Wer in der Champions-League-Qualifikation scheitert, verliert nicht seinen Startplatz, sondern nur seine Etage.
Drei Runden, drei Gegner, drei Niederlagen im Ergebnis, ein Weiterkommen im Ranking. Gegen den österreichischen Vizemeister Sturm Graz setzte es 0:4 und 0:2. Gegen den portugiesischen Rekordmeister Benfica Lissabon folgten 1:6 und 1:1. Gegen Österreichs Rekordchampion Rapid Wien reichte es zu 2:2 und 2:2 nach Verlängerung.
Das Elfmeterschießen ist eine reguläre Entscheidungsform, seit es Pokalwettbewerbe gibt, und niemand nimmt Rapid Wien die 4:3-Niederlage anders ab als sportlich verdient. Auch das mehrstufige Abstiegssystem hat eine Logik: Wer sich in der Champions-League-Qualifikation an Sturm Graz und danach an Benfica misst, spielt gegen ein Kaliber, das ein Playoff-Teilnehmer der Conference League gar nicht erst zu Gesicht bekommt. Wouter Vrancken, seit diesem Sommer Trainer der Hearts wie ein Dutzend Profis im Kader, sagt zu Recht: „Ich bin so stolz auf die Jungs.“
Nur beschreibt das Ranking eben nicht die Leistung dieser sechs Spiele, sondern die Herkunft. Die Hearts kamen als schottischer Vizemeister in die zweite Qualirunde und wurden für diese Startberechtigung zweimal aufgefangen, nachdem sie sie sportlich nicht bestätigt hatten. Ein Wettbewerb, der 1:6 und 0:4 mit einem Platz in seiner Ligaphase quittiert, hat aufgehört, in der Qualifikation zu sortieren.
Der Preis dafür steht in Wien. Rapid, Österreichs Rekordchampion, verlor über 210 Minuten kein einziges Mal und ist draußen. Die Hearts verloren dreimal und sind drin. Das ist kein Zufallsergebnis eines einzelnen Abends, das ist die Bauweise eines Turniers, das seine Teilnehmerzahl schneller vergrößert hat als seine Zugangshürden.
Für Heart of Midlothian ist der Abend menschlich nachvollziehbar. Im Mai verspielte der Klub am letzten Spieltag der schottischen Liga gegen Celtic Glasgow mit 1:3 den ersten Meistertitel seit 1960, und ein europäischer Herbst tröstet über einen solchen Mai hinweg. Wer diesem Kader den Jubel neidet, hat den Punkt nicht verstanden.
Die Institution, die hier zur Diskussion steht, ist nicht der Klub, sondern der Wettbewerb, der ihn hineinlässt. Eine Qualifikation soll aussieben. Wenn sie stattdessen jeden Absteiger eine Etage tiefer neu ansetzt, ist sie keine Prüfung mehr, sondern eine Zuteilung mit sportlicher Verkleidung.
Vrancken sagte über seine Mannschaft: „Sie haben sich belohnt, ich freue mich sehr für sie.“ Belohnt hat sich die Mannschaft in einem einzigen Elfmeterschießen. Belohnt hat sie ein System, das in sechs Spielen keinen Sieg verlangt hat.
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