0:12 Tore nach drei Spielen – aber der HSV-Trainer sieht gute Ansätze
Zweimal 0:5, kein Punkt, Tabellenletzter, der schlechteste Saisonstart der Vereinsgeschichte: Wenn Merlin Polzin darin eine Entwicklung zum Besseren sieht, herrscht Alarmstufe Rot
Sechs Minuten, drei Tore. So schnell fiel der Hamburger SV in Leipzig auseinander, nachdem er ohnehin früh zurückgelegen hatte. Am Ende stand ein 0:5, das zweite in Folge. Und Merlin Polzin, der Trainer, stellte sich hin und bot eine Wahl an: „Entweder siehst du das Endergebnis und sagst: ähnlich beschissen wie letzte Woche. Auf der anderen Seite habe ich aber eine Mannschaft gesehen, die versucht hat, viele Dinge besser zu machen als letzte Woche.“
Das ist der Moment, in dem man genauer hinhören muss. Denn die Zahlen kennen keine zweite Sichtweise: null Punkte, null Tore, eine Tordifferenz von 0:12 nach drei Spieltagen, am Ende der Tabelle. Wenn ein Trainer aus zwei identischen 0:5-Klatschen die guten Ansätze herausdestilliert, dann ist nicht das Ergebnis das Alarmzeichen – dann ist es die Zuversicht.
Polzin legt sogar nach. Man müsse „brutal zulegen“, sagt er, aber das sei „eine Herausforderung, die mich aber auch positiv stimmt, da ich die Reaktion der Jungs sehe“. Die Reaktion der Jungs war ein zweites 0:5. Wer nach einem solchen Wochenende schon wieder von der guten Reaktion spricht, verschiebt den Maßstab, an dem sein eigenes Team gemessen wird. Und ein Team, das sich an Ansätzen wärmt, hört irgendwann auf, Ergebnisse einzufordern.
Bemerkenswert ist, wer im Verein diese Sprache nicht spricht. Profifußball-Direktor Claus Costa fand bei DAZN einen Satz, der nichts beschönigt: „Das darf natürlich nicht passieren.“ Kein „aber“, kein zweiter Blick. Auch Kapitän Nicolai Remberg redet nicht von Ansätzen, sondern von Abstellen: klarer und abgeklärter müsse man werden, am Samstag beim 1. FC Köln. Das ist die Tonlage, die zur Tabelle passt.
Nun ließe sich sagen: Nach drei Spieltagen ist nichts entschieden, ein Sieg in Köln dreht die Stimmung über Nacht, und Remberg hat ja recht, wenn er warnt: „Aber dass ich mich hinstelle und sage, wir müssen punkten, sonst ist alles vorbei, ist auch ein Witz.“ Der Kapitän will keine Panik, er will Arbeit. Das ist der klügere Ton, weil er die Lage weder kleinredet noch dramatisiert.
Genau deshalb aber fällt Polzins Betonung des Positiven aus dem Rahmen. Remberg sagt im selben Atemzug, ein Erfolgserlebnis würde der Mannschaft guttun – er nennt das Defizit beim Namen, statt es in ein Kompliment an die Bemühungen zu übersetzen. Der Unterschied zwischen den beiden ist der Unterschied zwischen Nüchternheit und Selbstberuhigung.
Ein Aufsteiger darf verlieren, auch hoch, auch zweimal. Was er sich nicht leisten kann, ist ein Trainer, der die Latte tiefer hängt, während die Ergebnisse durchrauschen. Zwei 0:5 sind kein Betriebsunfall mehr, sie sind ein Muster. Und ein Muster verschwindet nicht dadurch, dass man ihm gute Ansätze attestiert.
Am Samstag geht es in Köln um das letzte Spiel vor der Länderspielpause. Ein Punkt würde die Zahlenreihe brechen, ein Tor die Null beenden. Bis dahin gilt der Satz, den Polzin selbst geliefert hat, nur andersherum gelesen: Wer nach 0:12 vor allem das Positive sieht, hat das Problem noch nicht verstanden.