Wie national sind Nationalmannschaften noch?

Der ÖFB überzeugt Spieler, die anderen Nationen absagen. Sowas verändert den Weltfußball grundlegend.

Wie national sind Nationalmannschaften noch?
IMAGO/kolbert-press

Ralf Rangnick bekommt zwei neue Optionen für die WM, und ich finde: Das ist mehr als nur eine Randnotiz. Die FIFA hat am Montag die Verbandswechsel von Carney Chukwuemeka und Paul Wanner zum ÖFB genehmigt. Österreich wildert erfolgreich im Talentpool anderer Nationen – und zeigt damit, wie der moderne Nationalmannschaftsfußball funktioniert.

Chukwuemeka wurde in Wien geboren, wuchs in England auf, durchlief mehrere englische U-Nationalteams. Jetzt spielt er für Österreich. Wanner entschied sich gegen die DFB-Auswahl. Beide Fälle illustrieren, dass Nationalmannschaften längst keine Schicksalsgemeinschaften mehr sind, sondern Wahloptionen für Spieler mit mehreren Pässen. Der internationale Wettbewerb um Talente hat eine neue Dimension erreicht, und Rangnick versteht dieses Spiel offensichtlich besser als mancher Konkurrent.

Meine Beobachtung: Der ÖFB agiert hier strategisch klug. Während der DFB bei Wanner offenbar nicht überzeugend genug warb, hat Rangnick mit seiner Arbeit bei Österreich ein Umfeld geschaffen, das für junge Spieler attraktiv erscheint. Das ist kein Zufall. Der Teamchef hat aus einer Mannschaft ohne große Namen ein funktionierendes Kollektiv geformt. Spieler wie Chukwuemeka und Wanner sehen dort möglicherweise bessere Einsatzchancen als in übermächtigen Kadern etablierter Fußballnationen.

Die WM-Gruppe mit Titelverteidiger Argentinien, Algerien und Jordanien ist anspruchsvoll, aber nicht unüberwindbar. Österreich braucht jeden qualitativ hochwertigen Spieler, den es bekommen kann. Dass beide Neuzugänge bereits Ende März gegen Ghana und Südkorea zum Einsatz kommen könnten, zeigt, wie schnell Rangnick sie integrieren will. Die Kadernominierung am 16. März wird zeigen, ob der Teamchef diesen Weg tatsächlich geht.

Was mich an dieser Entwicklung beschäftigt: Der Nationalmannschaftsfußball verliert zunehmend seine romantische Komponente. Die Vorstellung, dass Spieler aus tiefer Verbundenheit für ihr Geburtsland auflaufen, weicht einer nüchternen Kosten-Nutzen-Rechnung. Chukwuemeka hätte für England, Nigeria oder Österreich spielen können. Er wählte Österreich. Wanner hätte für Deutschland spielen können. Er wählte Österreich. Das ist legitim, aber es verändert den Charakter des Wettbewerbs.