Wie gut war Libuda wirklich?
Stan Libudas Klasse und sein Absturz hatten dieselbe Ursache: Sein Wert stand nie in der Statistik – und wer die Massen verzückte, konnte in der Kabine nicht Nein sagen. Der Fever Pit'ch Podcast über eine Schalke-Legende
Der Ruf fing immer leise an. Irgendwo in einer Ecke der Glückauf-Kampfbahn begann einer, dann schloss sich das ganze Stadion an, bis es dröhnte: Li-bu-da. Peter Müller war zwölf, als er das zum ersten Mal hörte, ein Junge aus dem Ruhrgebiet, den ein Nachbar mitgenommen und vorn an die Laufbahn gesetzt hatte. Über diesen Nachmittag sagt er heute: „Diese Atmosphäre hat mich komplett angezündet, komplett."
Müller ist 66 und seit Ende 2022 im Ruhestand, davor leitete er die Sportredaktion der Funke-Mediengruppe. Für ein Heft über Reinhard „Stan" Libuda hat er ihn unterbrochen: STAN, 10 Euro, herausgegeben vom Magazinmacher Oliver Wurm zum 30. Todestag. Im Fever Pit'ch Podcast haben die beiden erzählt, warum sie das machen — und dabei die Frage beantwortet, um die niemand herumkommt: Wie gut war Libuda wirklich?
Die schönste Antwort steht im Heft und stammt von Erwin Kremers, Europameister 1972 und eine Saison lang sein Mitspieler: „Weil der Stan über ein Jahrzehnt mit einem Trick durchgekommen ist. Alle wussten, was er gleich macht. Das wusste der Busfahrer, das wusste die Putzfrau, das wussten 70.000 im Stadion — jedes Kind."
Links antäuschen, rechts vorbeiziehen, abgeschaut beim Engländer Stanley Matthews, daher der Spitzname. Zehn Jahre lang wusste jeder Verteidiger der Bundesliga, was gleich passiert. Geholfen hat es keinem.
Nur erklärt der Trick nicht, warum aus dem besten Rechtsaußen dieser Jahre eine tragische Figur wurde. Müller hat im Podcast die Verbindung gezogen, die das Heft nur nebeneinanderstellt: Libudas Klasse und sein Absturz hatten dieselbe Ursache.
Er war supersensibel, sagt Müller, und er hatte keine Konstanz: „Er war in der Lage, an einem Samstag die Massen zu verzücken und am nächsten Samstag hast du ihn nicht gesehen." Auswärts, wo niemand seinen Namen rief, sah man ihn oft gar nicht. Er brauchte diese Atmosphäre — herstellen konnte er sie nie selbst.
Sepp Maier, Weltmeister von 1974, sagt es im selben Heft härter: „Stan war ein bisschen zu sehr in sein Spiel verliebt, glaube ich. Ein super Rechtsaußen, aber eben nicht so mannschaftsdienlich." Die Bilanz gibt ihm ja recht. Für Schalke stehen 190 Bundesliga-Spiele und 20 Tore, dazu 26 Länderspiele und ein einziger Titel, der DFB-Pokal 1972 mit dem 5:0 gegen Kaiserslautern. Ein Spieler mit diesen Zahlen bekäme heute kein Magazin.
An einem seiner drei Länderspieltore hängt allerdings ein Stück deutscher Fußballgeschichte. Am 22. Oktober 1969 lief Libuda im Hamburger Volksparkstadion einem langen Ball von Helmut Haller hinterher, zog über das halbe Feld und traf in der 79. Minute zum 3:2 gegen Schottland. Das Tor sicherte die Qualifikation für die WM 1970, bei der Deutschland Dritter wurde.
Wie berühmt sein Wackler war, zeigt eine Szene aus einer Gelsenkirchener Küche, die Wurm im Podcast erzählt: Rüdiger Abramcziks Vater kam vom Fußball nach Hause, rief „Helga, Tisch weg" und führte dem Sohn vor, wie der Stan das macht — und brach sich dabei den Zeh am Kohleofen. Der Sohn wurde Nationalspieler, WM-Teilnehmer 1978 und auf Schalke Libudas Nachfolger auf rechts. Kopieren konnte er den Trick trotzdem nicht: Der Stan hatte einen anderen Körper, sagt Abramczik im Heft, das musste er erst begreifen.
Was Libuda wirklich ausmachte, hat Thomas Spiegel benannt, lange Medienchef auf Schalke und heute in der Traditionsabteilung: Der Ruf galt einem einzigen Mann und hat trotzdem die ganze Mannschaft beflügelt. Elf Schalker ließen sich von einem Namen tragen, der nicht ihrer war. Diesen Wert erfasst keine Tabelle — auch nicht das Scouting-System, das der Klub heute ausgerechnet nach ihm benannt hat.
Und derselbe Mann konnte in der Kabine nicht Nein sagen. Im April 1971 verkauften die Schalker ihr Heimspiel gegen Arminia Bielefeld, 0:1, für 2.300 Mark pro Spieler; 2.000 hätten sie als Siegprämie ohnehin bekommen, rechnet Klaus Fischer im Heft vor. Fischer erinnert sich, wie Libuda dasaß und sagte: „So etwas mache ich nicht." Ältere Mitspieler sollen ihm das Geld heimlich zugesteckt haben. Am Ende machte er mit.
Torwart Norbert Nigbur, damals verletzt auf der Tribüne, ist bis heute sicher, dass er die Sache in der Kabine hätte stoppen können. Libuda konnte es nicht. „Er hatte keine Führungsqualitäten", sagt Müller, „und das hat ihn zerbrochen." Im September 1972 sperrte ihn der DFB auf Lebenszeit, Anfang 1974 wurde er begnadigt. Während Fischer und Rolf Rüßmann danach zu Nationalspielern aufstiegen, fand er nie zurück.
Am 25. August 1996 starb er mit 52 Jahren. Zwei Tage nach der Beerdigung spielte Schalke im Parkstadion gegen den VfL Bochum, der Stadionsprecher bat um Stille für die Gedenkminute — und aus der Nordkurve heraus begann es ganz leise, Libuda, Libuda, bis das ganze Rund rief. So gut war Stan Libuda: Sie riefen ihn zurück, als er schon unter der Erde lag.